Die Fische im Eimer

Der Wind zwitschert in den Zweigen und der Rauch krault den Schornstein. Wir stehen an einem See und jemand ist auf den Gedanken gekommen zu angeln. Ich muss behilflich sein, der Haken hat sich in einem Schal im Gepäck verfangen. Gar nicht so einfach, ihn da wieder heraus zu bekommen, hinter der Spitze sitzt noch ein Widerhaken. Ich muss daran denken, wo das Metall gleich einschlagen wird.

Immerhin wird sie wohl keinen Erfolg haben. Angeln, das dauert doch Stunden, nie im Leben baumelt da gleich ein Fisch an der Strippe und kaum ist der Gedanke auch nur ausgedacht, da baumelt der erste Fisch an der Strippe. Fast zärtlich fäst sie den kleinen Leib, drückt den Kopf von dem spitzen Harken los und schmeißt den zappelnden Körper in einen grauen, flachen Eimer.

Na das war doch jetzt Zufall – und der Gedanke hat sich noch nicht recht zu Ende gedacht, da sind die Fische zu viert. Eher zu dritt, denn der Vierte ist eine Leiche, die Bauch nach oben dahin treibt während die übrigen drei mit den Nasen gegen die Wand stupsen und sich winden, was das zeug hält. Einer schafft den Sprung auf den Rasen. Und wird flux zurück verfrachtet. Mittlerweile stehen drei Menschen am Steg und halten die langen Angeln ins Wasser.

Ich hocke da eine ganze Weile vor dem kleinen Becken. Die Fische sind wirklich hübsch. Der Bauch ist aus hellem Silber, jede Schuppe zur anderen sauber durch einen feinen blauen Schimmer abgegrenzt. Der Rücken hingegen ganz dunkel und die Flossen bewegen sich wie zarte Seide im Wind: Sie sind durchscheinend und haben einen Hauch in Sonnenuntergangsfarbe.

Die Fische sind nicht besonders groß, einer ist keine ganze Mahlzeit. Ich denke daran, mit der Fängerin zu verhandeln, ob dass alles dann überhaupt Sinn macht, ob sie die Tiere nicht begnadigen möchte. Noch lieber würde ich einfach das Becken packen und entleeren. Direkt zurück in den See mit den noch Lebenden. Ich traue mich nicht. Sie (also die Menschen, nicht die Fische) werden bestimmt böse, wenn ich sie einfach zurück schicke. Und sagen tue ich auch nichts.

Wieder zurück denke ich ein wenig über die ganze Sache nach. Vor mir auf den Knien ein Buch, auf dem Tisch eine Tasse Tee, auf meinem Ellenbogen stolziert eine Fliege auf und ab. Sie geht mir etwas auf die Nerven. Fliegen trifft man eh nie, wenn man nach ihnen schlägt, denke ich mir und haue einmal kräftig zu, um ihr einen Schreck ein zu jagen. Anscheinend sind Fliegen hier träge und halten sich nicht an ungeschriebene Reaktionszeiten der deutschen Verwandeten. Ich treffe und nun mehr neben meinem Ellenbogen liegt ein bewegungsloser Körper.

Ach du liebe Güte. Den ganzen Nachmittag über Fische nachgedacht, die getötet werden um gegessen zu werden und jetzt aus schlichter Aggression heraus ein anderes Tier erschlagen. Bloß weil es mich gestört hat. Ich greife erneut zur Teetasse und die Fliege brummt empört ihrer Wege.

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Nachtrag: Später sitzt die Anglerin neben mir und löst Kreuzworträtsel. Ich erkundige mich, ob sie ihren Fang gebracht hat und es ihn wohl zum Abendessen geben wird. Oh nein, sagt sie, die habe sich alle wieder in den See getan. Einer sei leider schon tot gewesen, aber die anderen (die auch in den krummen Haken mit dem breiten Widerhaken gebissen haben) sind wieder im Wasser.






Das Problem mit dem Universitätsstudium

An der Uni gibt es zwei verschiedene Sorten von Leuten: Die, die nicht so genau wissen, was sie später mal machen wollen und die, die ganz genau wissen, was sie später mal machen wollen. Die erste Gruppe hat die überwältigende Mehrheit.

Wie soll man denn auch in jungen Jahren wissen, was man von einem Leben haben möchte, das man noch gar nicht lebt, weil man eben jung ist. Daher braucht man Zeit, muss sich und das Leben probieren und vielleicht kommt unterwegs eine Meinung, was einem behagt, und was nicht.

Noch schlimmer ist es nur für solche, die vorher noch eine Ausbildung machen. Sie sind ein bisschen wie diejenigen, die erst mal ein Auslandsjahr einschieben. Beide wissen noch viel weniger was sie wollen, aber die Ausgebildeten haben auch noch Angst und stellen vermeintliche Sicherheit über einen schlichten Aufschub des ernsten Lebens.

Und dann ist da die zweite Gruppe. Die Gruppe derer, die so genau wissen, wo die Reise hingeht. Von der ersten Gruppe werden sie skeptisch beäugt, denn die wären auch gerne so. Dabei haben es diese Menschen doch so schwer: Sie wissen, was sie einmal machen wollen und plagen sich nun Jahre lang mit etwas anderem herum, nur um ein Zettel zu bekommen, auf dem etwas steht, sie wären nun ersehnten Arbeit qualifiziert.

In jedem Fall tun beide Gruppen nicht, was sie tun könnten: Die einen, weil sie noch gar nicht herausgefunden haben, was das denn eigentlich ist und sie lieber mit ihren Nasen in allerhand DIngen herumstupsen, die sie später gar nicht ausüben. Oder eben die anderen armen Teufel, die sich abrackern um Jahre später tun zu können, was sie sich ersehnen. Gut ist, wer unterwegs trotzdem noch irgendwie Spaß hat, und auch die Zeit in stickigen Seminarräumen mit eigenwilligen Zeitgenossen und anstrengenden Anforderungen mehr als nur hinter sich bringt.






Voll das freche Leben

Ich kennen einen Mann – und ich kann es nicht mit Sicherheit sagen aber ich glaube, er hat eine liebevolle Familie, mit denen er enge Bande hat sowie einen Beruf, bei dem er seiner Bestimmung nachgeht, die sein Leben mit Sinn erfüllt und an dem er dabei satt verdient. Schon eine kleine Frechheit, irgendwie.

Wer würde nicht gerne so leben? Und wer tut es eigentlich? Familie – Berufung – Geld, das ist ein Dreieck aus Eingeständnissen, Kompromissen und Anstrengungen. Wer hat denn da alles drei? Mindestens eines hätte jeder gerne und genau eines ist etwas, auf das man sich als Ziel konzentrieren kann.

Vielleicht träumen wir auch von einer lieben Familie, von Kindern, die uns die Beine hoch hopsen, wenn wir nach hause kommen, von Apfelkuchen die gebacken und Zöpfen, die geflochten werden müssen. Und dann ist da natürlich der liebevolle Partner, der den Kochlöffel schwingt um uns zu überraschen, und überhaupt ist eben alles besser, wenn da jemand ist, mit dem man teilt.

Oder ist das alles nichts? Gibt es da bedeutenderes als Beziehungen, die nun eh nie so ganz erfüllend sind und zu viele Kompromisse erfordern, während man höherem nachjagen kann? Für andere Menschen ist ihr Beruf ihre Familie, denn dort können sie sich verwirklichen und etwas schaffen. Etwas, das überdauert, das ihnen Wert gibt und dem Tag einen Sinn um unter der Decke hervor zu kriechen.

Und dann sind da noch die Menschen, die gerne Geld verdienen wollen. So richtig viel. Nur damit kann man ja das hübsche Haus kaufen, dass man gerne möchte, die Kleidung, das Auto und überhaupt den Lebensstandart einfahren, den man sich erträumt.

Soweit. Also eines der drei aus dem goldenen Dreieck, dass lässt sich auf Kosten der anderen wohl irgendwie machen. Aber eigentlich wäre mehr doch auch gut, also enge Beziehungen und sinnvolle Arbeit und ein hübsches Gehalt. Genau so verrennen wir uns dabei in einer Mittelmäßigkeit von Kompromiss, die nichts wirklich befriedigt oder einer scharfen Abspaltung – eben wenn wir uns eines wählen und die anderen beiden opfern und bereuen oder betrauern am Ende.

Und dann sind da diese Menschen wie den eingangs erwähnte Herr, die einfach frech alles mitnehmen, was geht. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Ich glauben nicht, dass da das Leben oder das Universum oder Big Bob hold waren und es einfach Glück vom Himmel tropfte. Ja, manche Menschen haben es einfacher im Leben als anderen, sie hatten bessere Umstände und vieles fällt ihnen einfach in den Schoß. Aber ich glaube nicht, dass es dem frechen Mann so ergangen ist. Ich denke, dass er sich dazu entschieden hat. Und sich redlich abgerackert, sein Leben genau so zu gestalten, wie er es sich vorgestellt hat, und für ihn war es eben das volle, ganze, strahlende Dreiecks-Programm.






Freudianer und Freudisten

In der Psychoanalyse ist das Gespräch mit dem Therapeuten die Medizin, die das Leiden des Patienten lindert. Und wie bei jedem Medikament gibt es Risiken und Nebenwirkungen – in der Analyse mittlerweile sogar mehrere Aufsatzsammlungen mit dem gleichnamigen Titel. Scheint also gar nicht so einfach zu sein, dieses Gespräch, was Therapeut und Patient da führen.

Dabei sind Therapeuten doch so großartig ausgebildet. Nur wer tolle Noten aus der Schule mitbringt, darf überhaupt Medizin oder Psychologie studieren und dann geht’s erst richtig los: Ewige Ausbildung mit Selbsterfahrung und Supervision, bis man endlich auf einen Patienten losgelassen wird. Bis dahin wurde einem alles ins Hirn eingeschleift, was man zu tun und zu lassen hat, damit es dem Patienten gut geht.

Nichts privates erzählen, nicht anfassen, berufliches schön von privatem getrennt halten und alles strikt und absolut. Nicht nur ein bisschen und so gut es eben geht. Ansonsten nennt man das Grenzverletzung und dann sind da ja noch die Behandlungsfehler, gleich noch mal ein Arm voller Dinge, die man besser bleiben lässt.

Da ist die Not groß nach konkreten Regeln, die genau diesen ganzen Salat sortieren in hilfreich und nicht in Ordnung. Am besten bedient man sich da immer an der großen Quelle und das ist für viele Analytiker (bzw. entsprechende Institute und Gesellschaften) der Meister persönlich: Sigmund Freud.

Sigmund Freud etablierte eifrig was wir heute so ungefähr als Analyse kennen und sammelte auch gleich allerhand auftretende Problemchen um anderen Analytikern das Leben leichter zu machen. In seinen Schriften macht er deutlich, dass der Analytiker nüchtern und neutral sein sollte. Tatsächlich weiß man heute aber, dass er selbst gar nicht nach seinen eigenen Richtlinien praktizierte, sondern Patienten seiner Zuneigung versicherte, wenn sie fragten, ihnen Geschenke machte und sie bei bedarf auch massierte, damit sie sich besser entspannen konnten.

Der moderne Analytiker hält sich an die schriftlichen Rahmensetzung. Bloß kein Spielraum im Setting oder was man noch so alles durch einander bringen könnte. Das gibt halt. Vielleicht sind solche Therapeuten weniger Freudianer – wie sie sich selbst nennen, wenn sie den von Freud etablierten Traditionen treu sind, sonder eher Freudisten, halten sie sich doch strikt an das geschriebene Wort anstatt sich am Vorbild selbst zu orientieren. Man muss nicht heiliger sein als Big Bob persönlich.






Erfahrungsbericht Wake up Retreat am EIAB

Im kuschelig beleuchteten Meditationsraum sitze ich mit etwa fünfzig anderen jungen Menschen im Alter irgendwo zwischen zwanzig und vierzig auf braunen Meditationskissen und singe Lieder. Das erste ist eines meiner Lieblingslieder, das ich bei meinem ersten Aufenthalt vor einem Jahr kennen gelernt habe. Guter Start.

Danach: Eine Runde, jeder erzählt, was ihn hierher auf besagte braune Kissen bewegt hat, am Anfang und Ende verneigt man sich um klar zu machen, wann man bereit und fertig ist.
„Like all of us, I have to live in this crazy world and I think I just have to deal with it.“ sagt eine junge Australierin aus Berlin.
„Ich bin so unglaublich froh hier zu sein!“ sagt eine andere (und hält dabei ihre Hand innig auf ihrer Brust) „Es fühlt sich so gut an, mit euch hier. Ich habe schon jetzt das Gefühl richtig angekommen zu sein.“
Toll. Ich nicht. Und das sollte auch für eine lange Zeit mein Gefühl bleiben. Aber ich will nicht vorgreifen. Der Reihe nach.

Hinkommen

Der Weg ans Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB) ist ein weiter; morgens in Hamburg-Altona in den IC (prähistorisch! Grüner Teppich im gesamten Zug!), danach in Köln umsteigen in die Regionalbahn, die langsam die Zivilisation hinter sich lässt und an trüben Pendlerdörfern vorüber in Richtung Niemandsland ist.
In einem der trüben Pendlerdörfer steige ich aus und schleppe meine Reisetasche zum Busbahnhof. Ein paar Stationen denkt man sich. Weit gefehlt. Über eine Stunde rast der Bus mit mehr als erlaubter Geschwindigkeit durch bergig-kurvige Märchenlandschaften. Verwunschene Wälder mit plätschernden blauen Flüsschen, sanfte grüne Hänge und ab und zu eine Häuseransammlung mit frustrierten Menschen mit Plastiktüten voller Pfandflaschen vor einem grauen Lidl.
Dann Waldbröl: Hinter der Kreissparkasse hält der nun fast leere Bus und eine Handvoll Frauen mit Gepäck steigen aus, manche stapfen zielstrebig voraus, den Berg hoch.

Ein freundlicher, junger Mönch quartiert mich dieses Mal in einem anderen Gebäude ein und ich finde mich in einem Vierbettzimmer mit Stockbetten wieder. Schlichte Einrichtung, das schlicht aus Jugendherbergen, nicht das schlicht aus „besser Wohnen“, aber ein Waschbecken im Raum. Duschen und Toiletten auf dem Flur. Und die sind nicht mehr schlicht, sondern heruntergekommen. Kloster-feeling eben.

Mein Kopf schmerzt als ich abends nach der Kennlernrunde endlich ins Bett falle, der nächste morgen beginnt um 5.00 Uhr. Dazwischen pupst meine Mitbewohnerin im Schlaf, die andere spricht.

Dasein

Von den kommenden Tagen ist keiner gleich aber alle ähnlich. Wir haben eine halbe Stunde, bis wir morgens zur formalen Sitzmeditation erscheinen, danach etwas Bewegung, ein niederländischer Mönch macht mit uns „Stick-exercise“. Dann – endlich! – mein langersehntes Frühstück!
Serviert wird jeder Mahlzeit im klassischen Buffet-Stil: in langen Reihen schiebt man sich langsam am Tresen vorbei, auf dem dampfende Töpfe, tiefe Schüsseln und Backbleche voller Leckereien stehen. Morgens gibt es einen gigantischen Topf voller frisch gekochtem Haferbrei in Sojamilch dazu aufgebackenes Nussbrot vom Biobäcker mit allerhand (selbstgemachter) Marmeladen, Pestos und Aufstriche. Am Schluss, wenn der Teller bereits überladen ist, kommt man am Tablett mit frischem Obst an.

Am Vormittag stehen dann unterschiedliche Programmpunkte an. Mal gibt es einen Dharma-Talk, mal eine Arbeitsmeditation, mal eine Art workshop. Heute geht’s für mich mit nassen Haaren (denn die Pause zwischen Frühstück und Aktivität ist der einzige brauchbare Slot zum Duschen) in den Garten, Unkraut rupfen und Beete bestellen. Mit Hacken dreschen wir auf die harte Erde ein, sortieren Steinchen aus und ziehen allerhand kleiner Pflänzchen heraus. Alles höchst achtsam versteht sich. Immer schön beim Atem bleiben. Gelingt mir überhaupt nicht. Satt dessen tun mir die Regenwürmer leid, die bei dem Getrommel unserer Werkzeuge zu Dutzenden aus dem Boden kriechen und sich in der aufgewühlten Erde winden.

Innere Lage

Aber kommen wir zur Sache. Es geht schließlich um ein Retreat, nicht ums Gärtnern. In mir geht eine Menge vor. Besonders an den späten Nachmittagen, kurz vor dem Abendessen habe ich zu knabbern, denn hier dreht sich viel um Mitgefühl und in mir kommt eine Menge alter Schmerz nach oben. Zuerst denk ich mir noch, dass ich mich nicht recht eingelebt habe und etwas Heimweh habe. Stimmt vermutlich auch, aber das ist nicht alles. Wir haben hier sogenannte Familien gebildet, kleinere Gruppen in denen wir uns treffen und uns austauschen. Worüber bleibt uns überlassen. Es ist der simple Raum, direkt von Herzen zu sprechen, was einen bewegt und zu üben, anderen zu zuhören ohne zu urteilen etc. Schwierige Sache. Beides. Jedes mal, wenn ich den Mund aufmachen will, muss ich mich zusammenreißen nicht hemmungslos in Tränen aus zu brechen. Ich verstehe es nicht recht, aber aus irgendeinem Grund bin ich entsetzlich traurig.

Das Gefühl bleibt, egal was wir machen. Manche Sachen finde ich doof, andere sind sehr rührend. Das gemeinsame musizieren zum Beispiel. Die Lieder kommen aus allen Teilen der Welt, sind nicht zwangsläufig religiös, aber meist spirituell. Auch dabei habe ich immer wieder zu kämpfen. Andere sind weniger verschlossen als ich und haben mehr Mut zur Verletzlichkeit: sie weinen. Ich nicht.

Besonders ergreifend ist für mich ein Moment, als wir eines Vormittages über Selbstmitgefühl sprechen. Ein junger Mönch, der frisch aus Plum Village eingetroffen ist, gibt eine Einführung zu dem Thema und lässt uns auch ein paar einfache Übungen dazu machen. Wir sollen kurz die Augen schließen und nach den schlechten Sätzen forschen, denn unsere böse innere Stimme uns eingibt (er verwendete nicht die Worte schlecht und böse) und sie dann aufschreiben. Das ist doch komisch dachte ich mir, da kommt doch jetzt eh nichts und schwubs stand „Das bist du nicht wert. Das hast du nicht verdient.“ auf meinem Zettel.
Am Ende meldet sich eine junge Taiwanesin zu Wort. Sie hat sichtlich zu kämpfen. „Ich habe große Schwierigkeiten mich selbst zu lieben, wie ich bin.“ Große Tränen rollen ihr dabei über die Wangen. „Meine Mutter hat mich so erzogen, dass ich mich immer um andere kümmere, damit sich jeder in meiner Nähe wohl fühlt. Nur ich bin dabei zu kurz gekommen.“ Der junge Mönch vermag sie zu trösten: „Es gibt eine Studie, nach der niemand so hart zu sich selbst ist wie die Menschen aus Taiwan.“ Die Frau ist sichtlich beruhigt und hoffnungsvoll.

Die anderen

Das bringt mich zu einem anderen Thema. Das Umarmen. Man umarmt sich hier viel. Sehr viel. Besonders die Teilnehmer, die sich schon länger kennen und gleichzeitig auch die Organisatoren sind. Denn das Wake up Retreat wird von Laien-Mitgliedern der gleichnamigen Bewegung organisiert und gleitet, nicht von Nonnen oder Mönchen des Klosters. Schade eigentlich, denn so hat man wenig Kontakt mit den Ordinierten. Aber zurück zum Umarmen. Wir verbringen immer wieder größere Zeiten in Schweigen, sprechen also nicht miteinander. Daher gibt es ein dezentes Zeichen, mit dem man jemand anderem signalisieren kann „hey, wollen wir uns vielleicht umarmen?“. Kann der andere dann machen oder eben nicht. Ich traue mich nicht. Dabei würde ich so gerne. Ich bin so traurig und würde auch gerne mal umarmt werden. Hauptsächlich liegen sich wie gesagt die Alteingesessenen in den Armen und das nicht zu knapp, da wird auf das intimste geschmust, das man beschämt den Blick abwenden möchte.

Überhaupt kommt immer wieder in mir ein Gefühl auf, dass ich nicht recht einordnen kann aber meine Zimmernachbarin (die, die im Schlaf spricht) bringt es am letzten Tag auf den Punkt: „Ich komme mir hier manchmal vor wie damals in der Schule. Es gibt die coolen Kinder, die Beliebten und wir anderen versuchen irgendwie mit zu kommen.“

Dabei fühle ich mich bisweilen weniger wie ein Schulkind sondern eher als alte Oma, denn mir tut der Rücken weh. Wie sich später herausstellt (lange Schweigezeiten, wie gesagt) geht es auch fast allen anderen so. Uns setzt anscheinend die ungewohnte Art zu sitzen zu, schließlich verbringen wir viel Zeit auf Meditaionskissen. Entweder in formaler Meditation morgens und abends oder in bequemerer Haltung für alle anderen Programmpunkte. Ist eben etwas anderes als der gepolsterte Schreibtischstuhl.

Bei meinem ersten Aufenthalt hatte es mir so gut gefallen und ich mich so wohl gefühlt zwischen den blühenden Apfelbäumen und den quirligen Vietnamesischen Nonnen. Dieses Mal bleibt neben den Verspannungen auch das Gefühl nicht recht angekommen zu sein bis zur letzten Minute. Ein wenig schade, aber ich konnte mich nicht recht auf diese Retreat einlassen. Dabei gab es so viele schöne Momente!

Das Besondere

Der Dharma-Vortrag des Abtes zum Beispiel, als er über angepasstes Handeln im Leben sprach. Sehr unterhaltsam, amüsant und geistreich. Am gleichen Nachmittag saß ich eine kleine Weile auf der Schaukel und pendelte etwas im Sonnenlicht neben der Baustelle aus der in Kürze die neue Küche des Klosters hervorgeht. Ein Lieferant brachte Bauteile und der Abt nahm sie entgegen. Ein Prozess, der sich zog, denn Thay Phap An spricht kaum ein Wort Deutsch, auch wenn er es besser versteht als man erwartet. Während also der osteuropäische Lieferant energisch durch die Gegend lief und laut in sein Handy rief was denn nun Sache wäre, stand der Abt ganz ruhig da und folgte vermutlich seinem Atem. Was anderes hatte er ja auch nicht zu tun. Mit der Zeit wurde der andere Mann deutlich ruhiger. Nicht unbedingt leiser (er begann energetisch Lieder aus dem Musical Mamma Mia zu schmettern) aber er wirkte zentrierter. Und am Ende waren alle Beteiligten mit der Lieferung zufrieden. Wunder im Alltäglichen.

Oder die liebevollen Momente mit Savi. Ein kleinen Wirbelwind von Mädchen, das gleich mehrere Retreatteilnehmer als Kindermädchen beschäftigte. Am Anfang war sie ganz besonders aufgebracht. Ich mochte sie von der ersten Minute an unglaublich und wartete nur auf meine Chance, bis all die coolen Kindermädchen fertig waren. Wir haben uns einen tollen Wettlauf durch die ellenlangen Klosterflure geliefert und später hat sie mir ein Gänseblümchen gepflückt und geschenkt. Und dann eine ganze Hand voll. Sie war sichtlich gebannt, als ich ihr einige Minuten später ein Armband um ihr Handgelenk knüpfte und als wir im Garten unter den Bäumen unsere letzte Gesprächsrunde hatten flüchtete sie sich mit den Worten „mein Platz ist hier!“ in meine Arme um sich etwas auf zu wärmen. Hatte ich erwähnt, dass ich einsam und traurig war? Es war für mich die schönste Stunde, in der ich diesen kleinen Wildfang sachte in auf meinem Schoß wiegen konnte und sie ganz geduldig all den Erwachsenen zuhörte.

Was bleibt noch zu sagen? Das Essen war vorzüglich, der tiefe Ton der großen Klangschalen unglaublich beruhigend, die Märztage kühl in ungeheizten Klosterräumen, das pathetische in-sich-hinen-fühlen einiger Retreatleiter anstrengend und die Achtsamkeit der Nonnen und Mönche inspirierend und heilend.

Das EIAB ist ein herrlicher Ort um seinem Geist Erholung zu gönnen. Die Wake up Retreats sind Geschmacksfrage.






Der Tag, an dem ich beinahe zu einem Kaffee eingeladen wurde

Ich hatte Hunger. Das kommt vor. Glücklicherweise hat nach einer sommerlichen Urlaubspause endlich wieder das kleine Café in Uni-Nähe mit den herrlichen Baguettes mit Chili-Remoulade geöffnet, denn Wochen vorher stand ich dort einmal vor verschlossenen Türen und war nun um so froher auf dem Weg zur Bibliothek doch geschmolzenen Käse zwischen knusperigem Brot zu bekommen.

Ich betrete also das Café. Zu diesem Zeitpunkt ist gerade niemand da und ich recke meinen langen Hals (wofür hat man ihn denn schließlich?) die kleine Treppe hinunter, ob sich wohl der Besitzer ausmachen lässt. Ich hatte Hunger (wie gesagt). Nichts zu sehen und in diesem Moment betritt hinter mir ein Mann den Raum. Lautstark. Ruft irgendeine Form der Begrüßung und etwas über Berlin.

Immerhin tritt dem Rufen zur Folge der Hausherr auf den Plan und ich kann mein Baguette bestellen. In freudiger Erwartung verkrümele ich mich das kleine Treppchen hinauf zu den Tischen um mich einzurichten, bis der Käse recht geschmolzen ist. Hinter mir bestellt nun auch der Mann.

Einen Cappuccino für die Dame. Huch. Meint der wohl etwa mich? Schließlich ist er allein gekommen. Da wartet auch niemand vor dem großen Ladenfenster. Und das Café ist ansonsten leer (ich war etwas spät dran für ein Mittagessen).

So ist das also. Dieses berühmte einen-ausgegeben-bekommen. Wenn man sich nicht kennt und der Herr charmant sein will oder was auch immer haben möchte. Wenn da plötzlich auf dem Tisch oder dem Tresen ein Getränk auftaucht mit dem dezenten Vermerk des Bedienenden und die Frau ganz unschuldig überrascht den Kopf hebt und der Spender gönnerhaft nickt und man vielleicht ins Gespräch kommt oder vielleicht auch nicht – in jedem Fall jedoch einen Kaffee oder einen edlen Tropfen vor sich hat.

Also einen Cappuccino für die Dame. So geht es einige Male, denn der Besitzer fragt ein paar mal. Ich drehe mich besser nicht um. Ich will nicht sehen, was dort vor sich geht, sowenig davon mitbekommen wie möglich, denn das ist mir gar nicht geheuer. Ich lasse mich nicht gerne einladen. Dann stehe ich da ja plötzlich in jemandes Schulden, sehe mich in der Situation, etwas aufwiegen oder schlichtweg mit einem Fremden interagieren zu müssen. Das mag ich nicht. Das will ich nicht.

Ich will auch keinen Cappuccino. Ich mag gar keinen Kaffee. Ja, damit gehöre ich wohl einer für seltsam befunden Minderheit an, aber so ist es nun mal eben und das braune Heißgetränk kommt mir nicht in den Hals geschweige denn Magen. Wie mache ich denn das nun? Schließlich will da nur jemand freundlich sein. Er meint es sicherlich nur gut. Kann mir hier ja auch gar nichts tun. Bestimmt ist er gleich eh wieder weg und vor mir taucht einfach nur die Tasse auf.

Ich könnte den Café-Besitzer ins Vertrauen ziehen, wenn er das Getränk vor mich stellt. Ganz überrascht tun. Als hätte ich auch wirklich so gar keine Ahnung gehabt, dass das passieren könnte, wie vom Donner gerührt eben, wie man so schön sagt. Und dann in gedämpfter Stimme die Notlage schildern. Ob er ihn wohl vielleicht trinken möchte? Bestimmt geht das aus irgendwelchen Gründen nicht, weil ihm der Laden gehört. Was weiß ich. Aber dann könnte er ihn bestimmt einer anderen Person schenken? Vor der Tür stehen junge Frauen und unterhalten sich. Ihnen vielleicht? Kann man den Cappuccino noch um kippen? In einen To-go-Becher?

In einem solchen bekommt der Berlin-Schreier auch gerade seinen Doppelten Espresso und beginnt mit einigen schwungvollen Pirouetten nach Zucker zu suchen. Er hätte vier Euro dabei, ob das wohl reichen würde. Tut es nicht. „Das hier,“ sagt der Besitzer und gemeint muss wohl mein Cappuccino sein „kostet 1,90 Euro und der Espresso 3,70. Da musst du wohl nochmal los und etwas Geld holen.“ Der Mann geht mit dem Becher in der Hand.

Ich bin etwas nervös. So ganz gefällt mir die zurecht gelegte Taktik noch nicht. Es gibt keinen eleganten Weg aus dieser eklatanten Situation. Am besten, ich würde ihn gleich einfach trinken, wenn er vor mich gestellt würde. Scheu lächeln, wie nette Mädchen das so machen. Ein zartes Nicken zum Dank und dann sachte nippen und genießen. Aber ich mag keinen Kaffee. Ichmagnicht, ichmagnicht, ichmagnicht. Aber unhöflich sein und den Großzügigen, der jetzt noch durch die Gegend rennt, den letzten Euro zu organisieren vor den Kopf zu stoßen behagt mir auch nicht.

Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Bringt er ihn jetzt? Nein doch nicht, er braucht nur Salat für das Baguette. Jetzt? Nein, da kam nur ein anderer Gast und holte sich ein Cremetörtchen auf die Hand.
Und dann bringt er das Baguette.
Und ich esse.
Und ich stehe auf.
Und bezahle.
Dann gehe ich. Genau wie der Mann eine Viertelstunde zuvor.






Aufrichtigkeit

Ein armer Mann zog durch die Lande, ging von Haus zu Haus und bat um etwas Geld. Er verkaufte selbstgebastelte Grußkarten mit keinen Kätzchen darauf. Eines Tages kam er in ein kleines Dorf und läutete an der Pforte eines großen Hauses in dem ein reicher Mann wohnte. Der Hausherr öffnete, hörte sich kurz die kleine Ansprache des armen Mannes an, schüttelte den Kopf beim Anblick der Kätzchen-Karten und wollte sie Tür schon wieder schließen, da viel ihm etwas ein.

„Komm doch kurz herein, ich habe ein Anliegen an dich.“ Sagte er zu dem armen Mann. Der wunderte sich etwas, war aber angetan einmal in die edlen Hallen zu treten und wischte sich ganz ordnungsgemäß die Schuhe ab.

„Sieh her, ich habe diese Nachbarin. Sie ist alt und hässlich und krank und morgen stirbt sie ohnehin. Sie schreit die ganze Zeit, wenn wir kurz inne halten, können wir es wohl hören.“ Beide Männer schwiegen kurz und in der Tat ließ sich ein plärrendes Klagen durch die Wände hören. Der arme Mann staunte.

„Wie ich also sagte, es ist ganz grausig mit ihr und sie raubt mir jeden Schlaf. Ich gebe dir fünf hübsche lila Scheine, wenn du hinüber gehst und sie jetzt gleich totschlägst.“

Der arme Mann staunte weiter. Er beschloss sich die Sache einmal an zu sehen, nahm das Geld und ging hinüber zu dem Haus neben an. Auf sein Leuten öffnete niemand doch er fand die Tür nicht verschlossen und folgte dem kläglichen Gewimmer und Gebrüll in den ersten Stock. Dort lag eine alte, hässliche und kranke Frau auf einem Lager auf dem sie vermutlich in der nächsten Nacht sterben würde.

„Warum weinst und schreist du?“ fragte der arme Mann.
„Siehst du denn nicht, dass ich alt und hässlich und krank bin?!“ kreischte die Frau.
„Doch doch, das sehe ich schon.“
„Na also, ich sterbe hier, und niemand ist da und bald ist es zu Ende und ich bin ganz allein.“
Da machte es sich der arme Mann neben ihrem Lager bequem und zog die selbstgemachten Karten und seiner Jackentasche.
„Dein Nachbar schickt mich mit dieser Karte hier her. Du magst wohl Kätzchen?“
Und die Frau wurde mit einem Mal ganz still. Sie nahm die Karte, betrachtete das Bild (Das Kätzchen war mit einem glitzernden Faden auf das Papier gestickt) und aus ihren Augenwinkeln kullerte ein Tränchen.

Der arme Mann saß dort eine Weile, hielt ihre Hand und als sie in der Nacht starb brachte er sie in den Garten und den alten Apfelbaum. Kaum war die Sonne wieder aufgegangen, klopfte er erneut bei dem reichen Mann an.
„Die Frau ist tot, aber es hat noch einiges gedauert und war überhaupt recht anstrengend und verscharrt habe ich sie auch. Ich will noch mehr von den lila Scheinen.“
„Oh natürlich! Da – nimm, dreimal so viel sollst du haben, so gut wie heute Nacht habe ich schon lange nicht mehr geschlafen.“ rief der reiche Mann und überreichte eine weitere beträchtliche Summe Geld.

Dann ging der arme Mann pfeifend seiner Wege.






Rettet das Hirn: Ein Appell.

Man stelle sich nur mal vor – ein gewöhnlicher Dialog auf der Straße:

„Guten Tag, ich kenne mich ein wenig mit Medizin aus und ich bin etwas besorgt, denn ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen nicht gut geht. Haben Sie darüber nachgedacht, einen Internisten aufzusuchen? Er könnte Ihnen da vielleicht weiterhelfen.“

Und der Mensch ist besorgt und dankbar. Ganz im Gegensatz zu:

„Guten Tag, ich kenne mich ein wenig mit Medizin aus und ich bin etwas besorgt, denn ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen nicht gut geht. Haben Sie darüber nachgedacht, einen Psychiater aufzusuchen? Er könnte Ihnen da vielleicht weiterhelfen.“

Und die Leute drehen durch.

Menschen identifizieren sich stark mit ihrem Denken. Wenn damit etwas nicht stimmt, sind sie als Person kaputt. Das will man nicht und hört es ungern und reagiert entsprechend. Schade eigentlich, denn das Gehirn ist eines unserer wichtigsten Organe und es kann genau so erkranken wie jeder andere Teil unseres Körpers auch. Auch ein Hirn brauch Pflege und von Zeit zu Zeit eben auch ärztliche.






Krieg & Frieden, Stand 2017

Todestrieb – PART I Eine friedliche Welt?

Unglaublich aber wahr: Die Welt wird immer friedlicher.

Ja, die Aussage hat es in sich, denn da möchte man doch gleich widersprechen. Überall toben Kriege, orangene Leute auf der anderen Seite des Globus schmeißen Bomben drauf und überhaupt kann man das doch so gar nicht sagen.

Doch kann man. Und das ist auch keine wilde Behauptung. Friedensforscher sagten bereits vor Jahren, dass es noch niemals so friedlich zugegangen sei (obwohl reichlich Arbeit ins Haus steht). An dieser Stelle ist es angebracht zu fragen: Warum zur Hölle glauben wir das nicht?

Die Welt wie sie uns erscheint

Da kommt einem gleich der Grund in den Sinn, der immer wieder platt getreten wird. Wir sehen von der Welt, was Medien uns präsentieren.
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