Der Tag, an dem ich beinahe zu einem Kaffee eingeladen wurde

Ich hatte Hunger. Das kommt vor. Glücklicherweise hat nach einer sommerlichen Urlaubspause endlich wieder das kleine Café in Uni-Nähe mit den herrlichen Baguettes mit Chili-Remoulade geöffnet, denn Wochen vorher stand ich dort einmal vor verschlossenen Türen und war nun um so froher auf dem Weg zur Bibliothek doch geschmolzenen Käse zwischen knusperigem Brot zu bekommen.

Ich betrete also das Café. Zu diesem Zeitpunkt ist gerade niemand da und ich recke meinen langen Hals (wofür hat man ihn denn schließlich?) die kleine Treppe hinunter, ob sich wohl der Besitzer ausmachen lässt. Ich hatte Hunger (wie gesagt). Nichts zu sehen und in diesem Moment betritt hinter mir ein Mann den Raum. Lautstark. Ruft irgendeine Form der Begrüßung und etwas über Berlin.

Immerhin tritt dem Rufen zur Folge der Hausherr auf den Plan und ich kann mein Baguette bestellen. In freudiger Erwartung verkrümele ich mich das kleine Treppchen hinauf zu den Tischen um mich einzurichten, bis der Käse recht geschmolzen ist. Hinter mir bestellt nun auch der Mann.

Einen Cappuccino für die Dame. Huch. Meint der wohl etwa mich? Schließlich ist er allein gekommen. Da wartet auch niemand vor dem großen Ladenfenster. Und das Café ist ansonsten leer (ich war etwas spät dran für ein Mittagessen).

So ist das also. Dieses berühmte einen-ausgegeben-bekommen. Wenn man sich nicht kennt und der Herr charmant sein will oder was auch immer haben möchte. Wenn da plötzlich auf dem Tisch oder dem Tresen ein Getränk auftaucht mit dem dezenten Vermerk des Bedienenden und die Frau ganz unschuldig überrascht den Kopf hebt und der Spender gönnerhaft nickt und man vielleicht ins Gespräch kommt oder vielleicht auch nicht – in jedem Fall jedoch einen Kaffee oder einen edlen Tropfen vor sich hat.

Also einen Cappuccino für die Dame. So geht es einige Male, denn der Besitzer fragt ein paar mal. Ich drehe mich besser nicht um. Ich will nicht sehen, was dort vor sich geht, sowenig davon mitbekommen wie möglich, denn das ist mir gar nicht geheuer. Ich lasse mich nicht gerne einladen. Dann stehe ich da ja plötzlich in jemandes Schulden, sehe mich in der Situation, etwas aufwiegen oder schlichtweg mit einem Fremden interagieren zu müssen. Das mag ich nicht. Das will ich nicht.

Ich will auch keinen Cappuccino. Ich mag gar keinen Kaffee. Ja, damit gehöre ich wohl einer für seltsam befunden Minderheit an, aber so ist es nun mal eben und das braune Heißgetränk kommt mir nicht in den Hals geschweige denn Magen. Wie mache ich denn das nun? Schließlich will da nur jemand freundlich sein. Er meint es sicherlich nur gut. Kann mir hier ja auch gar nichts tun. Bestimmt ist er gleich eh wieder weg und vor mir taucht einfach nur die Tasse auf.

Ich könnte den Café-Besitzer ins Vertrauen ziehen, wenn er das Getränk vor mich stellt. Ganz überrascht tun. Als hätte ich auch wirklich so gar keine Ahnung gehabt, dass das passieren könnte, wie vom Donner gerührt eben, wie man so schön sagt. Und dann in gedämpfter Stimme die Notlage schildern. Ob er ihn wohl vielleicht trinken möchte? Bestimmt geht das aus irgendwelchen Gründen nicht, weil ihm der Laden gehört. Was weiß ich. Aber dann könnte er ihn bestimmt einer anderen Person schenken? Vor der Tür stehen junge Frauen und unterhalten sich. Ihnen vielleicht? Kann man den Cappuccino noch um kippen? In einen To-go-Becher?

In einem solchen bekommt der Berlin-Schreier auch gerade seinen Doppelten Espresso und beginnt mit einigen schwungvollen Pirouetten nach Zucker zu suchen. Er hätte vier Euro dabei, ob das wohl reichen würde. Tut es nicht. „Das hier,“ sagt der Besitzer und gemeint muss wohl mein Cappuccino sein „kostet 1,90 Euro und der Espresso 3,70. Da musst du wohl nochmal los und etwas Geld holen.“ Der Mann geht mit dem Becher in der Hand.

Ich bin etwas nervös. So ganz gefällt mir die zurecht gelegte Taktik noch nicht. Es gibt keinen eleganten Weg aus dieser eklatanten Situation. Am besten, ich würde ihn gleich einfach trinken, wenn er vor mich gestellt würde. Scheu lächeln, wie nette Mädchen das so machen. Ein zartes Nicken zum Dank und dann sachte nippen und genießen. Aber ich mag keinen Kaffee. Ichmagnicht, ichmagnicht, ichmagnicht. Aber unhöflich sein und den Großzügigen, der jetzt noch durch die Gegend rennt, den letzten Euro zu organisieren vor den Kopf zu stoßen behagt mir auch nicht.

Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Bringt er ihn jetzt? Nein doch nicht, er braucht nur Salat für das Baguette. Jetzt? Nein, da kam nur ein anderer Gast und holte sich ein Cremetörtchen auf die Hand.
Und dann bringt er das Baguette.
Und ich esse.
Und ich stehe auf.
Und bezahle.
Dann gehe ich. Genau wie der Mann eine Viertelstunde zuvor.






Irrwege auf buddhistischen Pfaden oder: Enlightenment in progress

Jeder Mensch will glücklich sein, niemand will leiden. So begann mein erster Meditationslehrer die Stunden, wenn wir uns Freitagsabend auf den weinroten Kissen einrichteten. Er erklärte uns, warum Meditation dafür sinnvoll sein mag. Und was in meinem Kopf passierte war: Wenn du hier gut meditierst , dann leidest du nicht mehr. Nie mehr traurig, keine Wut, nur noch Seligkeit. Hat der Buddha ja auch auf die Reihe gekriegt. Prima Sache.

Ich glaubte das lange. Sehr lange. Manchmal glaube ich es immer noch ein bisschen. Dabei ist die Sache sehr verstrickt, denn was eigentlich das Ziel der ganzen Sache ist, ist nicht klar. Zumindest nicht so ganz. Denn wenn man sich auf das Glück stürzt, lernt man sehr schnell, das der Buddhismus alles, was wir so gemeinhin als Glück auffassen doch in seinem tieferen Wesen leiden ist. (Das Stichwort sind die vier Wahrheiten).

Also nichts mit Glück? Alles Leiden? Was ist denn da noch mit der Erleuchtung? Das wäre doch ein prächtiges Ziel: Endlich erleuchtet sein und alles hinter sich gebracht haben. Dabei ist das Wort etwas unglücklich. Zum einen ist es ein Übersetzungsfehler, das tibetische Wort „Tschangschub“ (gesprochen, nicht geschrieben, aber ich will niemanden mit tibetischer Lautschrift langweilen und verwirren) bedeutet wörtlich Erwachen und auch wenn der Unterschied erst einmal marginal anmutet, steckt da doch so einiges darin.

Erleuchtung verführt einen dazu sich einzubilden, die Welt und man selbst mit ihr und in ihr würde sich verändern. Als wäre man dann ein transzendentes Wesen mit entsprechen Fähigkeiten (was man da im tibetischen Buddhismus nicht für tolle Sachen hört: Gedanken lesen, Zauberkräfte, manche erzählen sogar etwas vom Fliegen). Dann ist alles gut, dann hat man es geschafft. Nur was eigentlich, das bleibt irgendwie offen.

Der Begriff Erwachen ist da doch griffiger, denn er beschreibt besser, dass die Welt ganz sicher so bleibt, wie sie immer war. Es geht eher um das Erfassen von dem, was ist. Erleuchtung ist völlige Klarheit, um das Menschsein führt – fürchte ich – kein Weg vorbei.

Und ein Mensch zu sein kann eine dreckige Angelegenheit sein. Dazu gehört ein Körper, der je länger man ihn hat, allerhand neue Leiden präsentiert. Es ist für niemanden bequem, mehrmals am Tag zu essen und zu trinken, nur um alles am Laufen zu halten. Es wäre wirklich praktischer, wenn das nicht nötig wäre. Ist es aber. Genau wie Emotionen in ein Leben gehören, auch die unangenehmen, die wir manchmal doch gerne los wären.

Für mich wäre es das beste, ginge all das einfach weg. Keine Kopfschmerzen, keine Verspannungen, keine zwickenden Knie mehr. Der Bauch tut nicht mehr, die Müdigkeit geht mit der Dämmerung weil sie die Sonnenstrahlen nicht mag und der Hunger tut sich mit dem Appetit zusammen und vereinigen sich zu einer vagen Ahnung von Anregung, wenn dampfende Leckereien vor mir stehen, die einfach genossen werden können. Und natürlich wäre ich nicht mehr traurig, nichts brächte mich aus der Ruhe, ließe mich aufbrausen oder auch nur das sanfte Lächeln absetzten. Ein heiteres und unverwüstliches Gefühl von Glück würde durch meine Adern strömen und wer ganz genau hinschaut würde die Luft um mich herum dezent golden glänzen sehen.

Das all dem nicht so ist, dem bin ich mir schmerzhaft bewusst. (Die Schultern sind hart und die Lippen brennen und die Gedanken machen ohne hin, was sie wollen). Aber vielleicht könnte es ja so sein, wenn ich… das denke ich doch immer wieder noch. Vielleicht lockt da am Ende keine Erlösung. Vielleicht ist da nur Klarheit.






Warum ist das Leben eigentlich manchmal so beschissen? Wieso muss ich soviel leiden?

Berechtige Frage. Andere Menschen tun das ja schließlich auch nicht. Oder. ODER?? Ein Pfarrer hat einmal auf die Frage, was er in seinem Beruf gelernt hätte geantwortet: Das Menschen viel mehr leiden, als er dachte. Alle leiden. Manche mehr, manche weniger und die meisten von uns verstecken es gnadenlos grandios.
Warum ist das Leben eigentlich manchmal so beschissen? Wieso muss ich soviel leiden? weiterlesen

Du Opfer, du! Leben und Werden eines Fußabtreters

Ort: Meditationsraum.
Zeit: Samstag Vormittag.
Protagonist: Junger Mönch aus plum village.
Frage: Wer hatte in seinem Leben schon einmal eine Verletzung oder eine Wunde gehabt, die schmerzhaft war und länger braucht, zu verheilen? Ein gebrochener Knochen vielleicht? Ein paar Leute heben ihre Hand. Nächste Frage: Wer ist schon einmal von anderen Menschen mit Worten verletzt worden und es dauerte eine ganze Weile, bis die Verletzung wieder verheilte, wenn sie das denn überhaupt tat. Alle hoben ihre Hände.
Du Opfer, du! Leben und Werden eines Fußabtreters weiterlesen

Essen oder doch nicht essen? Wenn gesunde Ernährung aufhört hilfreich zu sein

Eine Menge Menschen machen sich eine Menge Gedanken darüber, was sie essen. Und wann sie essen. Und wie viel sie essen. Angeblich geht es darum, gesund zu sein oder zu werden. Na, wenn da mal nicht Zweifel angebracht sind!

Essen oder doch nicht essen? Wenn gesunde Ernährung aufhört hilfreich zu sein weiterlesen

Was kann ich tun, wenn mein Leben gerade absolut scheiße ist?

Wir leben schwierige Leben. Jeder von uns. Aber manchmal kommt das Leben vorbei und haut einem nochmal extra in die Fresse. Scheiß Leben. Verdient hat das niemand aber passieren tut es jedem irgendwann und in Filmen oder Büchern finden wir so was regelrecht romantisch. Aber sicher nicht, wenn man gerade in seinem finsteren Loch hockt und dem Leben gerne eine zurück zimmern würde.
Was kann ich tun, wenn mein Leben gerade absolut scheiße ist? weiterlesen