Herr Marvin kümmert sich um sein Haus

Eines Tages trat Herr Marvin vor sein Haus, in dem er sein ganzes Leben lang gewohnt hatte. Er stellte sich direkt vor die Fassade, stemmte die Arme in die Seiten und legte den Kopf in den Nacken. Ihm gefiel nicht, was er sah. Nein, ihm gefiel überhaupt nicht, was er da sah. Grimmig schüttelte er sein Haupt und ging wieder hinein.

Die nächste Woche verbrachte Herr Marvin wie gewohnt, allerdings fand man ihn während des Frühstücks tief über die Tageszeitung gebeugt, in der er eingehend den Immobilienteil studierte. Tags darauf kam seine Schwester zu Besuch und bei einer gemütlichen Tasse Tee verkündete Herr Marvin: „Ich verkaufe dieses Haus. Ich mag es nicht mehr, ich will ein neues haben.“

Das kannst du nicht machen!“ Seine Schwester war bestürzt. „Dein ganzes Leben hast du in diesem Haus verbracht, du kannst es nicht verkaufen, das ist ganz unmöglich.“

Aber wenn ich es doch nicht mehr mag! Es ist so scheußlich ich mag es gar nicht mehr ansehen. Nein, ich bin entschlossen, es muss weg und ein neues muss her.“

Sag mir doch, was dir nicht mehr an deinem Haus gefällt. Ich sehe ja, es ist nicht mehr das neueste und es hat so seine Macken bekommen über die Jahre. Aber du musst es ja nicht gleich auf den Müll werfen.“

Sieh es dir doch nur einmal an! Völlig überwuchert ist es. Es mieft überall, die Türen quietschen, die Dielen knatschen und im Dachgebälk stürmt es, als lebten dort gleich drei Geister von Tante Gertrude mit den schrecklichen Nachthembden. Und dann die Einrichtung! Wenn ich mit dem Mobiliar zum Schrottplatz fahre sagen die doch zu mir ‚Herr Marvin, das ist ja so grausig, dass nehmen Sie gleich wieder mit, da fällt ja meine Oma tot um, wenn sie diese Möbel sieht‘.“

Ich denke nicht, dass es ganz so schlimm ist. Ich sehe da auch ein solides Haus, mit starken Wänden und einem guten Schnitt. Verkaufen kannst du es nicht, das steht ganz außer Frage. Aber vielleicht kannst du es ja etwas auf Vordermann bringen. Ein heruntergekommenes Haus muss man nicht abreißen, man kann es ganz neu herrichten.“

Das gab Herrn Marvin zu denken. Er blickte ganz versonnen in seine Teetasse. Gleich am nächsten Morgen sah man ihn wieder vor die Front-Fassade treten. Wieder stemmte er die Arme in die Seiten und schritt dann tatkräftig voran, packte die erste dicke Ranke des Efeus und begann kräftig daran zu reißen. Es war eine mühevolle Arbeit. Das ganze Haus war über und über mit dem Grün bedeckt, dass sich über viele Jahrzehnte um die Mauern geschlungen hatte. Manche Ranken waren ganz besonders widerspenstig: Herr Marvin stemmt beide Beine gegen die Wand, die Zähne knirschten, die Hände brannten, die Pflanze gab ihr bestes – und dann riss der Strang ab. So ging es über Stunden, doch als die Sonne langsam hinter den Apfelbäumen verschwand, trat Herr Marvin ein paar Schritte zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte aus sein entblättertes Haus.

Das war ein gutes Stück Arbeit gewesen! Dachte er sich. Aber es ist damit noch nicht getan – überall sind ja noch die Punkte und Male des Efeus, wo er sich an der Fassade festgeklammert hat. Das will ich als nächstes machen.

Am nächsten Tag fuhr er in den Baumarkt. Er kaufte sich Farben, Werkzeuge, Tapeten und einen Bonsai. Den wollte er eigentlich gar nicht haben, aber es waren japanische Wochen und da ihm eh der Sinn nach einer Veränderung stand, dachte er sich, er könne auch einfach mal etwas neues ausprobieren.

Herr Marvin tünchte die Fassade in einem frischen Weiß. Die Tür- und Fensterrahmen bekamen einen bunten Anstrich und die alte, abgetretene Fußmatte wurde ausgewechselt. Dann kam das Innere dran: Er riss die Tapeten von den Wänden, ölte die alten Holztüren und schliff die Dielen ab. Sie quietschten danach immer noch, aber Herr Marvin fand, dass es nun eigentlich doch ganz gut zu dem herrschaftlichen Stil passte, denn das Haus nun wieder ausstrahlte.

Herr Marvin war glücklich mit seinem alten neuen Haus. Als seine Schwester das nächste mal zum Tee kam führte er sie stolz herum, zeigte ihr den neuen Außenbereich, das schicke Interior und den lieblichen Bonsai.

Schön ist es geworden!“ freute sie sich. „Ich mochte auch das alte Haus, aber es ist wirklich schön geworden, wie du es neu gemacht hast. Es ist so ein schönes Haus und du hast das beste daraus gemacht. Wie schwer muss es gewesen sein, sich von all diesen alten Eigenheiten zu trennen, wenn man so lange damit gelebt hat und etwas neues zu wagen! Ich bin stolz auf dich!“

Herr Marvin lächelte ganz glücklich. „Nun, es ist ja noch das gleiche Haus. Jetzt, wo alles alte weggebrochen ist, ist es so schön geworden. Du hattest recht, es nicht zu verkaufen. Ein schönes Haus braucht Pflege, und wenn man es gut hegt, dann wird es ein ganz unglaublicher Ort!“

 






 

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