Herbst- & Winterdepression

Ganz schön dunkel draußen. Und das ganz schön lange. Jedes Jahr schießen um diese Zeit informative Häppchen über Winterdepressionen aus dem Boden und hoffen darauf eingesammelt zu werden. Das Problem mit solchen (Selbst-)Diagnosen ist, dass man sie gut identifizieren muss, damit man sich da nicht etwas einverleibt, was einem tatsächlich schadet.

Aber langsam. Erstmal allgemeines über die Herbst- und Winterdepressionen. Damit wir wissen, welche Mahlzeit wir hier eigentlich verdauen wollen.

Menschen sind Tierchen, die Sonnenlicht brauchen. Damit produzieren wir Vitamine und Hormone, mit denen es uns gut geht. Bekommen wir zu wenig Licht ab (weil wir in der dunklen Jahreszeit immer vor dem Bildschirm oder bei einer anderen Arbeit hocken, wenn die trübe Herbstsonne sich doch mal hinter den Wolken hervor schält), bekommt der Körper nicht genug von diesen Glücks-Stoffen.

Konkret reden wir über Serotonin. Es lässt uns glücklicher sein und – man kann es sich schon denken – die Abwesenheit tut uns nicht gut. Wir werden niedergeschlagen, antriebslos.

Soweit so gut. Kann also passieren, dass man sich diese jahreszeitlich bedingten Verstimmungen einfängt. Kann man dann auch gut und leicht etwas dagegen tun: Lichttherapie hilft den Körper mit den Strahlen zu versorgen, die ihm im täglichen Leben abgehen. Dafür setzt man sich vor ein entsprechendes Gerät, dass die richtige Wellenlänge abstrahlt, eine normale Glühlampe hilft nämlich nicht weiter.

Wo ist denn nun das Problem dabei?

Wenn ein auf diesem Gebiet qualifizierter Kenner seines Faches – also ein Arzt oder Psychologe – das eindeutig diagnostiziert hat, ist da gar kein Problem. Viel Spaß vor der Lampe mit vollem Spektrum.

Schwierig wird’s, wenn Laien oder Betroffene sich das ganze selbst als Diagnose ausstellen. Zum einen funktioniert es leider nie. Man kann sich nicht selbst diagnostizieren, auch Ärzte tun das nicht.

Herbst- und Winterdepressionen liegt eine externe Ursache zu Grunde. Der Mangel an Sonnenlicht. Kann leicht und äußerlich behoben werden. Und das ist ungemein attraktiv. Es bringt uns nämlich darum herum, uns mit unserem konfusen, verwirrenden und schmerzhaften Innenleben auseinander zu setzen. Außerdem nimmt es uns die Stigmatisierung. Es ist viel leichter an einer Krankheit zu leiden, die von außen verursacht wurde, anstatt an einem Knacks in der eigenen Psyche.

Diese Art Stigma ist entsetzlich und gehört dringend aus der Welt geschafft. Im Moment ist sie aber leider da und es ist einfacher an Winterdepressionen zu leiden, als an „klassischen“ Depressionen. (Wohlgemerkt gehören beide zur gleichen Krankheitsfamilie, nur die Ursachen sind eben andere).

Wenn also unter dem feuchten Herbstlaub diese verlockende Diagnose hervor schaut, macht es Sinn sich zu Fragen, ob das wirklich des Pudels Problem ist. Oder ob das eigene Leiden nicht tiefer sitzt und lieber von einem Therapeuten beleuchtet werden sollte, statt von einer Leuchtröhre. Mut zum Leiden. Sonst überwintert es, kommt wieder und geht plötzlich im Sommer mit uns Baden.

Egal ob Depression, Herbstdepression oder Winterdepression: Gut, dass wir uns nicht nur mit Blogbeiträgen behelfen müssen, sondern qualifizierte, mitfühlenden Menschen bereit stehen uns zu helfen.






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