Die Achtsamkeits-Lüge

Achtsamkeit war der neue Trend-Export der buddhistischen Lehre. Hat es erfolgreich in alle möglichen Lebensbereiche geschafft und diverse hochkarätige Zeitschriftencover geschmückt. Dabei ist irgendwo, irgendwie etwas auf der Strecke, was unglaublich wichtig ist und jetzt nicht mehr da ist.

Gehen wir dahin zurück, von wo die Achtsamkeit ursprünglich her kam: Zum Buddhismus. Alles was ist, aufmerksam wahrnehmen. Das ist die Grundattitüde, die es zu verinnerlichen gilt, will man irgendetwas erreichen. Und wir modernen Menschen möchten eine ganze Menge erreichen. Nicht alles davon tut uns so gut, wie wir meinen. Wir kämpfen uns täglich stundenlang an Arbeitsplätzen herum, an denen wir gar nicht sein wollen, nur damit sich eine Zahl auf etwas ändert, was sich Konto nennt. Dazu kommen allerhand anderer nervenaufreibender Aktivitäten, ungesunde Gewohnheiten und ein übellauniges Umfeld. Schwubs ist die innere Ausgeglichenheit in den Ferien und wir stehen im Regen.

Für genau solche Fälle wurden Achtsamkeitstrainings entwickelt. Das buddhistische Prinzip wurde ausgeliehen, adaptiert und als neuer Livestyle-Trend vermarktet. Daran ist nichts auszusetzen. Will ich gar nicht meckern. Alles fein.

Die Frage ist, warum macht man das? Warum braucht man neuerdings so viel von dieser Achtsamkeit? Geht es da wirklich noch darum, alles wahrzunehmen, so wie es in diesem Moment gerade ist?

Oder haben wir uns da verrannt, in eine weitere Methode, die uns bitteschön wieder auf die Beine bringen soll, damit wir mit all dem weitermachen können, was uns gerade eben von den Socken gehauen hat?

Vielleicht erinnern wir uns in solchen unangenehmen Situationen tatsächlich noch an die Übung, die wir da mal gelernt haben. Und wir richten ganz artige unsere Aufmerksamkeit auf den Atem. Und dann geht das Leiden einfach nicht weg. Haben wir doch brav geatmet und so achtsam wahrgenommen und wir sind immer noch unglücklich! Frechheit! Geld zurück!

Achtsamkeit ist nicht dazu da, uns glücklich zu machen. Meistens passiert das ganz nebenbei. Das ist ja der Grund, dass der Hype überhaupt erst aufgeschwappt ist. Aber – und das ist unsagbar wichtig: Um Glück geht es nicht. UM GLÜCK GEHT ES NICHT. Wenn man aufmerksam wahrnimmt, nimmt man aufmerksam wahr. Mehr nicht. Wenn das gerade beschissen ist, was man spürt, dann ist das so. Und bleibt es leider wohl auch. Nur weil wir uns dessen bewusst werden, heißt noch lange nicht, dass die Unpässlichkeit sich aus dem Leben schleicht. „Oh Verzeihung. Du wolltest glücklich sein. Das hab‘ ich ja gar nicht mitbekommen. Dann geh ich wohl besser schnell.“

Gelingt es uns tatsächlich, aufmerksam zu sein und wahrzunehmen, was da gerade mit uns passiert und in uns vorgeht, dann können wir überlegen, was wir daraus machen. Manchmal ist es angebracht zu handeln. Manchmal ist es angebracht zu warten und nichts zu tun. Manchmal ist es angebracht einfach in Ruhe zu Atmen.

Achtsamkeit ist nur das Rüstzeug. Für manche ist es genug. Wer wirklich aufmerksam ist, was gerade mit einem selbst abgeht, hat einen gigantischen Sprung getan. Aber nicht immer ist es das gleiche, wie glücklich zu sein. Und dann sollten wir nicht die unschuldige – weil neutrale – Achtsamkeit in die Tonne kippen, weil sie uns nicht geholfen hat. Das war nie ihr Job. Wir haben sie nicht eingestellt, damit sie uns hätschelt und kuschelt. Sie ist das Fundament, auf dem wir ein selbstbestimmtes und freies Leben aufbauen können, den Rest müssen wir selber machen.





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