An der Rezeption

Ein Mann tritt näher, um sich bei der Rezeptionistin über sein Leben zu beschweren.

„Einen schönen guten Tag, wie kann ich Ihnen bitte weiterhelfen?“
„Guten Tag, ich – ähem – habe das falsche Leben bekommen! Ich möchte es gerne umtauschen. Ich habe wohl versehentlich ein schwieriges, anstrengendes und unfaires Leben bekommen!“

„Ah ja, das sehe ich auch gerade hier in unserer Datenbank. Für welches Leben haben Sie sich denn angemeldet?“
„Ein angenehmes, sorgenfreies Leben habe ich bestellt! Mit schwierig, anstrengend und unfair kann ich nichts anfangen!“
„Das tut mir leid mein Herr, aber angenehm&sorgenfrei führen wir schon lange nicht mehr, da müssen Sie wohl in das SAU Leben rein gerutscht sein.“
„Aber das geht doch so nicht! So eins will ich nicht! Ich habe angenehm&sorgenfrei bestellt und genau das will ich jetzt auch haben. Es muss sich da um einen Irrtum handeln.“
„Tut mir leid, da kann ich nichts machen. Wir hätten noch leicht und einfach mit vielen Emotionen, dafür müsste ich Sie allerdings auf eine Warteliste setzen.“
„Eine Warteliste, so eine Frechheit! Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen. Das kann doch nicht sein, dass man einfach das falsche Leben bekommt! Alle meine Nachbarn, Freunde und Kollegen haben angenehm&sorgenfrei bekommen, das steht mir auch zu!“
„Es tut mir wirklich sehr leid, aber ein solches Leben führen wir nicht. Wenn Sie möchten setzte ich Sie auch die Warteliste für ein LEE Leben.“
„LEE?“
„Leicht und Einfach, mit vielen Emotionen. Sie müssten wie gesagt auf die Warteliste, es ist sehr nachgefragt.“
„Aber eine Warteliste? Wie lange dauert so etwas denn? Es muss nämlich sehr schnell gehen, ich kann mein SAU Leben auf keinen Fall länger behalten, es muss jetzt gleich aufhören, eher gehe ich hier nicht weg! Und was hat es denn mit diesen vielen Emotionen auf sich? Leicht und einfach klingt ja genau nach dem, was ich möchte. Aber nicht, dass Sie mir hier noch den Waschbären im Sack verkaufen!“
„Die Wartezeit ist bei unseren Kunden immer sehr verschieden. Aber oft springt auch jemand ab, dann rufe ich sie sofort an, wenn ein Platz frei wird. Ansonsten gibt es verschiedene Angebote, die Sie wahrnehmen könnten, diese verkürzen die Wartezeit ganz erheblich!“
„Hm, was haben Sie denn da so?“
„Oh, wir haben ein reichhaltiges Angebot, dass können wir ganz auf Ihre persönlichen Wünsche zuschneidern, Sie können dabei auswählen, ob Sie vielleicht lieber Yoga machen wollen oder doch eine kleine Gesprächstherapie. Die Betreuung durch einen Therapeuten hat sich sehr bewährt, dabei haben Sie eine ganz außergewöhnlich kurze Wartezeit!“
„Das kommt ja überhaupt nicht in Frag!! Nicht nur, dass ich nicht mein bestelltes angenehm&sorgenfrei bekomme, jetzt soll ich auch noch arbeiten, das kommt ja gar nicht in die Tüte! Behalten Sie Ihre vielen Emotionen, da ist ja mein SAU Leben noch besser! Das mit diesen Emotionen behagt mir ohnehin nicht! Auf Wiedersehen!“

Angeregt und inspiriert von einem Satz aus dem Buch „Selbstmitgefühl“ von Kristin Neff.





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