Erfahrungsbericht Wake up Retreat am EIAB

Im kuschelig beleuchteten Meditationsraum sitze ich mit etwa fünfzig anderen jungen Menschen im Alter irgendwo zwischen zwanzig und vierzig auf braunen Meditationskissen und singe Lieder. Das erste ist eines meiner Lieblingslieder, das ich bei meinem ersten Aufenthalt vor einem Jahr kennen gelernt habe. Guter Start.

Danach: Eine Runde, jeder erzählt, was ihn hierher auf besagte braune Kissen bewegt hat, am Anfang und Ende verneigt man sich um klar zu machen, wann man bereit und fertig ist.
„Like all of us, I have to live in this crazy world and I think I just have to deal with it.“ sagt eine junge Australierin aus Berlin.
„Ich bin so unglaublich froh hier zu sein!“ sagt eine andere (und hält dabei ihre Hand innig auf ihrer Brust) „Es fühlt sich so gut an, mit euch hier. Ich habe schon jetzt das Gefühl richtig angekommen zu sein.“
Toll. Ich nicht. Und das sollte auch für eine lange Zeit mein Gefühl bleiben. Aber ich will nicht vorgreifen. Der Reihe nach.

Hinkommen

Der Weg ans Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB) ist ein weiter; morgens in Hamburg-Altona in den IC (prähistorisch! Grüner Teppich im gesamten Zug!), danach in Köln umsteigen in die Regionalbahn, die langsam die Zivilisation hinter sich lässt und an trüben Pendlerdörfern vorüber in Richtung Niemandsland ist.
In einem der trüben Pendlerdörfer steige ich aus und schleppe meine Reisetasche zum Busbahnhof. Ein paar Stationen denkt man sich. Weit gefehlt. Über eine Stunde rast der Bus mit mehr als erlaubter Geschwindigkeit durch bergig-kurvige Märchenlandschaften. Verwunschene Wälder mit plätschernden blauen Flüsschen, sanfte grüne Hänge und ab und zu eine Häuseransammlung mit frustrierten Menschen mit Plastiktüten voller Pfandflaschen vor einem grauen Lidl.
Dann Waldbröl: Hinter der Kreissparkasse hält der nun fast leere Bus und eine Handvoll Frauen mit Gepäck steigen aus, manche stapfen zielstrebig voraus, den Berg hoch.

Ein freundlicher, junger Mönch quartiert mich dieses Mal in einem anderen Gebäude ein und ich finde mich in einem Vierbettzimmer mit Stockbetten wieder. Schlichte Einrichtung, das schlicht aus Jugendherbergen, nicht das schlicht aus „besser Wohnen“, aber ein Waschbecken im Raum. Duschen und Toiletten auf dem Flur. Und die sind nicht mehr schlicht, sondern heruntergekommen. Kloster-feeling eben.

Mein Kopf schmerzt als ich abends nach der Kennlernrunde endlich ins Bett falle, der nächste morgen beginnt um 5.00 Uhr. Dazwischen pupst meine Mitbewohnerin im Schlaf, die andere spricht.

Dasein

Von den kommenden Tagen ist keiner gleich aber alle ähnlich. Wir haben eine halbe Stunde, bis wir morgens zur formalen Sitzmeditation erscheinen, danach etwas Bewegung, ein niederländischer Mönch macht mit uns „Stick-exercise“. Dann – endlich! – mein langersehntes Frühstück!
Serviert wird jeder Mahlzeit im klassischen Buffet-Stil: in langen Reihen schiebt man sich langsam am Tresen vorbei, auf dem dampfende Töpfe, tiefe Schüsseln und Backbleche voller Leckereien stehen. Morgens gibt es einen gigantischen Topf voller frisch gekochtem Haferbrei in Sojamilch dazu aufgebackenes Nussbrot vom Biobäcker mit allerhand (selbstgemachter) Marmeladen, Pestos und Aufstriche. Am Schluss, wenn der Teller bereits überladen ist, kommt man am Tablett mit frischem Obst an.

Am Vormittag stehen dann unterschiedliche Programmpunkte an. Mal gibt es einen Dharma-Talk, mal eine Arbeitsmeditation, mal eine Art workshop. Heute geht’s für mich mit nassen Haaren (denn die Pause zwischen Frühstück und Aktivität ist der einzige brauchbare Slot zum Duschen) in den Garten, Unkraut rupfen und Beete bestellen. Mit Hacken dreschen wir auf die harte Erde ein, sortieren Steinchen aus und ziehen allerhand kleiner Pflänzchen heraus. Alles höchst achtsam versteht sich. Immer schön beim Atem bleiben. Gelingt mir überhaupt nicht. Satt dessen tun mir die Regenwürmer leid, die bei dem Getrommel unserer Werkzeuge zu Dutzenden aus dem Boden kriechen und sich in der aufgewühlten Erde winden.

Innere Lage

Aber kommen wir zur Sache. Es geht schließlich um ein Retreat, nicht ums Gärtnern. In mir geht eine Menge vor. Besonders an den späten Nachmittagen, kurz vor dem Abendessen habe ich zu knabbern, denn hier dreht sich viel um Mitgefühl und in mir kommt eine Menge alter Schmerz nach oben. Zuerst denk ich mir noch, dass ich mich nicht recht eingelebt habe und etwas Heimweh habe. Stimmt vermutlich auch, aber das ist nicht alles. Wir haben hier sogenannte Familien gebildet, kleinere Gruppen in denen wir uns treffen und uns austauschen. Worüber bleibt uns überlassen. Es ist der simple Raum, direkt von Herzen zu sprechen, was einen bewegt und zu üben, anderen zu zuhören ohne zu urteilen etc. Schwierige Sache. Beides. Jedes mal, wenn ich den Mund aufmachen will, muss ich mich zusammenreißen nicht hemmungslos in Tränen aus zu brechen. Ich verstehe es nicht recht, aber aus irgendeinem Grund bin ich entsetzlich traurig.

Das Gefühl bleibt, egal was wir machen. Manche Sachen finde ich doof, andere sind sehr rührend. Das gemeinsame musizieren zum Beispiel. Die Lieder kommen aus allen Teilen der Welt, sind nicht zwangsläufig religiös, aber meist spirituell. Auch dabei habe ich immer wieder zu kämpfen. Andere sind weniger verschlossen als ich und haben mehr Mut zur Verletzlichkeit: sie weinen. Ich nicht.

Besonders ergreifend ist für mich ein Moment, als wir eines Vormittages über Selbstmitgefühl sprechen. Ein junger Mönch, der frisch aus Plum Village eingetroffen ist, gibt eine Einführung zu dem Thema und lässt uns auch ein paar einfache Übungen dazu machen. Wir sollen kurz die Augen schließen und nach den schlechten Sätzen forschen, denn unsere böse innere Stimme uns eingibt (er verwendete nicht die Worte schlecht und böse) und sie dann aufschreiben. Das ist doch komisch dachte ich mir, da kommt doch jetzt eh nichts und schwubs stand „Das bist du nicht wert. Das hast du nicht verdient.“ auf meinem Zettel.
Am Ende meldet sich eine junge Taiwanesin zu Wort. Sie hat sichtlich zu kämpfen. „Ich habe große Schwierigkeiten mich selbst zu lieben, wie ich bin.“ Große Tränen rollen ihr dabei über die Wangen. „Meine Mutter hat mich so erzogen, dass ich mich immer um andere kümmere, damit sich jeder in meiner Nähe wohl fühlt. Nur ich bin dabei zu kurz gekommen.“ Der junge Mönch vermag sie zu trösten: „Es gibt eine Studie, nach der niemand so hart zu sich selbst ist wie die Menschen aus Taiwan.“ Die Frau ist sichtlich beruhigt und hoffnungsvoll.

Die anderen

Das bringt mich zu einem anderen Thema. Das Umarmen. Man umarmt sich hier viel. Sehr viel. Besonders die Teilnehmer, die sich schon länger kennen und gleichzeitig auch die Organisatoren sind. Denn das Wake up Retreat wird von Laien-Mitgliedern der gleichnamigen Bewegung organisiert und gleitet, nicht von Nonnen oder Mönchen des Klosters. Schade eigentlich, denn so hat man wenig Kontakt mit den Ordinierten. Aber zurück zum Umarmen. Wir verbringen immer wieder größere Zeiten in Schweigen, sprechen also nicht miteinander. Daher gibt es ein dezentes Zeichen, mit dem man jemand anderem signalisieren kann „hey, wollen wir uns vielleicht umarmen?“. Kann der andere dann machen oder eben nicht. Ich traue mich nicht. Dabei würde ich so gerne. Ich bin so traurig und würde auch gerne mal umarmt werden. Hauptsächlich liegen sich wie gesagt die Alteingesessenen in den Armen und das nicht zu knapp, da wird auf das intimste geschmust, das man beschämt den Blick abwenden möchte.

Überhaupt kommt immer wieder in mir ein Gefühl auf, dass ich nicht recht einordnen kann aber meine Zimmernachbarin (die, die im Schlaf spricht) bringt es am letzten Tag auf den Punkt: „Ich komme mir hier manchmal vor wie damals in der Schule. Es gibt die coolen Kinder, die Beliebten und wir anderen versuchen irgendwie mit zu kommen.“

Dabei fühle ich mich bisweilen weniger wie ein Schulkind sondern eher als alte Oma, denn mir tut der Rücken weh. Wie sich später herausstellt (lange Schweigezeiten, wie gesagt) geht es auch fast allen anderen so. Uns setzt anscheinend die ungewohnte Art zu sitzen zu, schließlich verbringen wir viel Zeit auf Meditaionskissen. Entweder in formaler Meditation morgens und abends oder in bequemerer Haltung für alle anderen Programmpunkte. Ist eben etwas anderes als der gepolsterte Schreibtischstuhl.

Bei meinem ersten Aufenthalt hatte es mir so gut gefallen und ich mich so wohl gefühlt zwischen den blühenden Apfelbäumen und den quirligen Vietnamesischen Nonnen. Dieses Mal bleibt neben den Verspannungen auch das Gefühl nicht recht angekommen zu sein bis zur letzten Minute. Ein wenig schade, aber ich konnte mich nicht recht auf diese Retreat einlassen. Dabei gab es so viele schöne Momente!

Das Besondere

Der Dharma-Vortrag des Abtes zum Beispiel, als er über angepasstes Handeln im Leben sprach. Sehr unterhaltsam, amüsant und geistreich. Am gleichen Nachmittag saß ich eine kleine Weile auf der Schaukel und pendelte etwas im Sonnenlicht neben der Baustelle aus der in Kürze die neue Küche des Klosters hervorgeht. Ein Lieferant brachte Bauteile und der Abt nahm sie entgegen. Ein Prozess, der sich zog, denn Thay Phap An spricht kaum ein Wort Deutsch, auch wenn er es besser versteht als man erwartet. Während also der osteuropäische Lieferant energisch durch die Gegend lief und laut in sein Handy rief was denn nun Sache wäre, stand der Abt ganz ruhig da und folgte vermutlich seinem Atem. Was anderes hatte er ja auch nicht zu tun. Mit der Zeit wurde der andere Mann deutlich ruhiger. Nicht unbedingt leiser (er begann energetisch Lieder aus dem Musical Mamma Mia zu schmettern) aber er wirkte zentrierter. Und am Ende waren alle Beteiligten mit der Lieferung zufrieden. Wunder im Alltäglichen.

Oder die liebevollen Momente mit Savi. Ein kleinen Wirbelwind von Mädchen, das gleich mehrere Retreatteilnehmer als Kindermädchen beschäftigte. Am Anfang war sie ganz besonders aufgebracht. Ich mochte sie von der ersten Minute an unglaublich und wartete nur auf meine Chance, bis all die coolen Kindermädchen fertig waren. Wir haben uns einen tollen Wettlauf durch die ellenlangen Klosterflure geliefert und später hat sie mir ein Gänseblümchen gepflückt und geschenkt. Und dann eine ganze Hand voll. Sie war sichtlich gebannt, als ich ihr einige Minuten später ein Armband um ihr Handgelenk knüpfte und als wir im Garten unter den Bäumen unsere letzte Gesprächsrunde hatten flüchtete sie sich mit den Worten „mein Platz ist hier!“ in meine Arme um sich etwas auf zu wärmen. Hatte ich erwähnt, dass ich einsam und traurig war? Es war für mich die schönste Stunde, in der ich diesen kleinen Wildfang sachte in auf meinem Schoß wiegen konnte und sie ganz geduldig all den Erwachsenen zuhörte.

Was bleibt noch zu sagen? Das Essen war vorzüglich, der tiefe Ton der großen Klangschalen unglaublich beruhigend, die Märztage kühl in ungeheizten Klosterräumen, das pathetische in-sich-hinen-fühlen einiger Retreatleiter anstrengend und die Achtsamkeit der Nonnen und Mönche inspirierend und heilend.

Das EIAB ist ein herrlicher Ort um seinem Geist Erholung zu gönnen. Die Wake up Retreats sind Geschmacksfrage.






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