Freudianer und Freudisten

In der Psychoanalyse ist das Gespräch mit dem Therapeuten die Medizin, die das Leiden des Patienten lindert. Und wie bei jedem Medikament gibt es Risiken und Nebenwirkungen – in der Analyse mittlerweile sogar mehrere Aufsatzsammlungen mit dem gleichnamigen Titel. Scheint also gar nicht so einfach zu sein, dieses Gespräch, was Therapeut und Patient da führen.

Dabei sind Therapeuten doch so großartig ausgebildet. Nur wer tolle Noten aus der Schule mitbringt, darf überhaupt Medizin oder Psychologie studieren und dann geht’s erst richtig los: Ewige Ausbildung mit Selbsterfahrung und Supervision, bis man endlich auf einen Patienten losgelassen wird. Bis dahin wurde einem alles ins Hirn eingeschleift, was man zu tun und zu lassen hat, damit es dem Patienten gut geht.

Nichts privates erzählen, nicht anfassen, berufliches schön von privatem getrennt halten und alles strikt und absolut. Nicht nur ein bisschen und so gut es eben geht. Ansonsten nennt man das Grenzverletzung und dann sind da ja noch die Behandlungsfehler, gleich noch mal ein Arm voller Dinge, die man besser bleiben lässt.

Da ist die Not groß nach konkreten Regeln, die genau diesen ganzen Salat sortieren in hilfreich und nicht in Ordnung. Am besten bedient man sich da immer an der großen Quelle und das ist für viele Analytiker (bzw. entsprechende Institute und Gesellschaften) der Meister persönlich: Sigmund Freud.

Sigmund Freud etablierte eifrig was wir heute so ungefähr als Analyse kennen und sammelte auch gleich allerhand auftretende Problemchen um anderen Analytikern das Leben leichter zu machen. In seinen Schriften macht er deutlich, dass der Analytiker nüchtern und neutral sein sollte. Tatsächlich weiß man heute aber, dass er selbst gar nicht nach seinen eigenen Richtlinien praktizierte, sondern Patienten seiner Zuneigung versicherte, wenn sie fragten, ihnen Geschenke machte und sie bei bedarf auch massierte, damit sie sich besser entspannen konnten.

Der moderne Analytiker hält sich an die schriftlichen Rahmensetzung. Bloß kein Spielraum im Setting oder was man noch so alles durch einander bringen könnte. Das gibt halt. Vielleicht sind solche Therapeuten weniger Freudianer – wie sie sich selbst nennen, wenn sie den von Freud etablierten Traditionen treu sind, sonder eher Freudisten, halten sie sich doch strikt an das geschriebene Wort anstatt sich am Vorbild selbst zu orientieren. Man muss nicht heiliger sein als Big Bob persönlich.






2 Gedanken zu „Freudianer und Freudisten“

  1. Hallo.
    Also, ich weiß ja nicht. Als heutige junge Frau – sich immer noch von Leuten ausbilden lassen, die Freud anhängen? Nach dem sind Frauen ja nicht gleichberechtigt mit Männern, da Phallus nicht vorhanden. Wie kommt man damit klar, aufgrund des weiblichen Geschlechts von vornherein diskriminiert zu sein, innerhalb der Dogmen, die man zu lernen hat, und auf denen man dann ja auch seine eigene Arbeit aufbauen wird? Oder geht das dann noch anders, nach so viel Jahren Gehirnwäsche?
    Ich frage aus Interesse. Ob dich also sowas auch beschäftigt.

    1. Hallo liebe Karin,
      Die Ausbildung in Psychanalyse ist keine Gehirnwäsche. Dreh- und Angelpunkt ist ausschließlich das eigene Innenleben zu erforschen und ganz genau kennen zu lernen. Dazu kommen dann für Analytiker noch einige Strategien, wie man damit umgehen kann. Freud hat Frauen auch nicht als weniger wert gesehen. Im Gegenteil war seine Art zu denken nicht mit den damals verbreiteten Vorstellungen vereinbar (also z.B. das Frauen überhaupt sexuelle Bedrüfnisse haben etc). Er entwickelte die Theorie, dass Mädchen eifersüchtig werden, wenn sie merken, dass sie keinen Penis haben (griffiges Schlagwort: Penisneid). Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie nicht gleichbereichtigt sind.
      Natürlich gibt es auch Ideen Freuds, die heute nicht mehr so aktuell sind und nicht mit den heutigen Vorstellungen zusammenpassen. Von diesen Theorien hat man Abstand genommen, bzw. sie entsprechend angepasst. Daher wird niemand in der Analyse auf Grund von Dogmen diskriminiert. Im Gegenteil ist es die wesentliche Arbeit des Analytikers seinen Analysanden ganz genau so anzunehmen, wie er eben ist, egal ob weiblich, männlich, schwul, jüdisch und mit was für Worten man Menschen nicht alles belegen kann. Ist alles ok.
      In meinem kleinen Beitrag habe ich ja nur einen konkreten Aspekt herausgegriffen, es ist nicht so, dass sich moderne, zeitgemäße Analyse NUR auf Freud beziehen würde. Da gibt es viele prägende Figuren, die wichtige Beiträge geliefert haben.
      Wenn dich die konkrete Ausbildung interessiert, frag doch einfach mal bei einem Insitut an, die können dir das alles am besten und ganz genau erklären.

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