Die Fische im Eimer

Der Wind zwitschert in den Zweigen und der Rauch krault den Schornstein. Wir stehen an einem See und jemand ist auf den Gedanken gekommen zu angeln. Ich muss behilflich sein, der Haken hat sich in einem Schal im Gepäck verfangen. Gar nicht so einfach, ihn da wieder heraus zu bekommen, hinter der Spitze sitzt noch ein Widerhaken. Ich muss daran denken, wo das Metall gleich einschlagen wird.

Immerhin wird sie wohl keinen Erfolg haben. Angeln, das dauert doch Stunden, nie im Leben baumelt da gleich ein Fisch an der Strippe und kaum ist der Gedanke auch nur ausgedacht, da baumelt der erste Fisch an der Strippe. Fast zärtlich fäst sie den kleinen Leib, drückt den Kopf von dem spitzen Harken los und schmeißt den zappelnden Körper in einen grauen, flachen Eimer.

Na das war doch jetzt Zufall – und der Gedanke hat sich noch nicht recht zu Ende gedacht, da sind die Fische zu viert. Eher zu dritt, denn der Vierte ist eine Leiche, die Bauch nach oben dahin treibt während die übrigen drei mit den Nasen gegen die Wand stupsen und sich winden, was das zeug hält. Einer schafft den Sprung auf den Rasen. Und wird flux zurück verfrachtet. Mittlerweile stehen drei Menschen am Steg und halten die langen Angeln ins Wasser.

Ich hocke da eine ganze Weile vor dem kleinen Becken. Die Fische sind wirklich hübsch. Der Bauch ist aus hellem Silber, jede Schuppe zur anderen sauber durch einen feinen blauen Schimmer abgegrenzt. Der Rücken hingegen ganz dunkel und die Flossen bewegen sich wie zarte Seide im Wind: Sie sind durchscheinend und haben einen Hauch in Sonnenuntergangsfarbe.

Die Fische sind nicht besonders groß, einer ist keine ganze Mahlzeit. Ich denke daran, mit der Fängerin zu verhandeln, ob dass alles dann überhaupt Sinn macht, ob sie die Tiere nicht begnadigen möchte. Noch lieber würde ich einfach das Becken packen und entleeren. Direkt zurück in den See mit den noch Lebenden. Ich traue mich nicht. Sie (also die Menschen, nicht die Fische) werden bestimmt böse, wenn ich sie einfach zurück schicke. Und sagen tue ich auch nichts.

Wieder zurück denke ich ein wenig über die ganze Sache nach. Vor mir auf den Knien ein Buch, auf dem Tisch eine Tasse Tee, auf meinem Ellenbogen stolziert eine Fliege auf und ab. Sie geht mir etwas auf die Nerven. Fliegen trifft man eh nie, wenn man nach ihnen schlägt, denke ich mir und haue einmal kräftig zu, um ihr einen Schreck ein zu jagen. Anscheinend sind Fliegen hier träge und halten sich nicht an ungeschriebene Reaktionszeiten der deutschen Verwandeten. Ich treffe und nun mehr neben meinem Ellenbogen liegt ein bewegungsloser Körper.

Ach du liebe Güte. Den ganzen Nachmittag über Fische nachgedacht, die getötet werden um gegessen zu werden und jetzt aus schlichter Aggression heraus ein anderes Tier erschlagen. Bloß weil es mich gestört hat. Ich greife erneut zur Teetasse und die Fliege brummt empört ihrer Wege.

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Nachtrag: Später sitzt die Anglerin neben mir und löst Kreuzworträtsel. Ich erkundige mich, ob sie ihren Fang gebracht hat und es ihn wohl zum Abendessen geben wird. Oh nein, sagt sie, die habe sich alle wieder in den See getan. Einer sei leider schon tot gewesen, aber die anderen (die auch in den krummen Haken mit dem breiten Widerhaken gebissen haben) sind wieder im Wasser.






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