Das Drama um Sogyal

Sogyal Rinpoche galt als ein großer Lehrer im tibetischen Buddhismus. Er schrieb das tibetische Totenbuch und stand einer großen Gemeinschaft mit vielen tausend Schülern und Ordinierten vor. Internationale Sache. Einige dieser Gefolgsleute haben nun einen Brief veröffentlicht, der ihn dazu veranlasst hat, seinen Titel abzugeben und sich aus dem Leben als Lehrer zurück zu ziehen.

Sogyal heißt also jetzt wieder Lakar (sein Familienname) und nicht mehr Rinpoche (respektvolle Anrede für einen liebenswürdigen Lehrer, wörtlich etwa „kostbare Person“). Die Anschuldigungen, die ihn zu diesem Schritt bewogen haben sind schwer und allerhand wichtige Leute in der Szene – darunter der Dalai Lama – haben Kommentare zu der Angelegenheit abgegeben.

Es geht also um ein bisschen mehr, als nur ein kleines Drama um eine Person. Hier passiert etwas, was alle paar Jahre mal wieder eine Glaubensgemeinschaft erschüttert: Ein sicher geglaubtes Fundament entpuppt sich als bröselige Täuschung mit verheerenden Folgen für viele Unschuldige. Schauen wir uns also an, was da passiert ist. Ganz ruhig der Reihe nach.

Was ist geschehen?

Sogyal hat also diese große Gemeinschaft (Rigpa) und unterweist Schüler (ordinierte und Laien gleichermaßen). Einige davon haben sich von ihm losgesagt und gemeinsam einen Brief veröffentlicht, in dem sie anprangern, was ihre Beweggründe sind und warum sie glauben, dass das unbedingt öffentlich zu kommunizieren ist, um andere zu schützen.

Ursprünglich wurde der Brief nur an einige wenige geschickt, ist mittlerweile aber für jeden Interessierten zugänglich (ich empfehle die englische Original-Version). Im wesentlichen steht dort nach einer formalen Einleitung in der sachlich und respektvoll edle Absichten versichert werden, dass Sogyal Schüler schlägt, bedroht, verängstigt, misshandelt und quält. Das er Spenden hinterzieht. Das er heimlich viele sexuelle Affären pflegt und nicht verantwortungsbewusst damit umgeht.

Das sind schwere Anschuldigungen. Es ist erst ganz zu verstehen, wenn man die vorherige Position der Gegenseite beleuchtet: Solche Verhaltensweise laufen oft unter etwas, was sich in diesen Ecken als „crazy wisdom“ (verrückte Weisheit) hält. Dabei geht es darum, dass Lehrer manchmal Dinge tun und Sachen sagen, die auf den ersten Blick ganz verrückt wirken, dem Schüler aber in Richtung Erleuchtung bringen sollen.

Diese Art der Argumentation eignet sich ganze hervorragend um unethisches Verhalten dahinter zu verstecken. Natürlich kann es so was auch tatsächlich geben – also bestimmte Verhaltensweise, die auf den ersten Blick seltsam anmuten aber eine positive Wirkung auf den Empfänger haben. Aber das Missbrauchspotential ist immens.

So argumentieren auch die Schreiber des Briefes: Es hätte sie Jahre gekostet, sich selbst darüber klar zu werden, was passiert und dass es ihnen nicht gut tut.

Das ist ein sehr wesentlicher Aspekt. Hier geht es nicht nur um ein paar Personen, die physisch und psychisch missbraucht wurden, sondern unzählige Menschen haben ihren Glauben und ihr Vertrauen in den Dharma an sich verloren.

Der Dalai Lama spricht

Das ist schwerwiegend, denn sie kamen in der Absicht, sich selbst und anderen etwas gutes zu tun und stehen nun vor einem Scherbenhaufen, der einmal ihr Leben war. Aus diesem Grund gibt es auch so viele Kommentare von großen Lehrern: Der Dalai Lama unterstützt den Brief, in dem er lobt, dass alles öffentlich gemacht werden muss, damit man Klarheit bekommt und Schüler sich ein Urteil bilden können, ob eine Person tatsächlich als Lehrer in Frage kommt. (Hier entlang für seinen Kommentar).

Dzongsar Khyentse spricht

Ein anderer Lehrer, Dzongsar Khyentse, schreibt, dass die Wege und Mittel eines Lehrers unantastbar sind und es ihm im Zweifel auch erlaubt sein muss, sich über Gesetze in einem Staat hin weg zu setzten. Genau das wäre eben die verrückte Weisheit. Das sagt der gleiche Lehrer, der die indische Regierung dafür angreift, dass sie der buddhistischen Minderheit im Land nicht das gleiche Aufgebot an Sicherheitsmaßnahmen für Pilgerfahrten zur Verfügung stellt wie den zig Millionen Hindus und der ebenso in seinem Buch die Auffassung vertritt, dass es Depressionen nur ein Mangel an Disziplin sei. Immerhin vertritt er diese Auffassungen öffentlich und es ist damit jedem möglich das für sich selbst zu bewerten und zu urteilen, was man von ihm hält. (Hier entlang zu einer Einordnung seines Kommentars).

Sogyal ist nach den Anschuldigungen und dem Aufruhr mittlerweile zurück getreten.

Trotz allem ist diese Art des Skandals nicht neu und erschüttert alle paar Jahre irgendeinen Bereich des spirituellen Lebens; immer wieder wird Menschen vermeintliche Heiligkeit zum Verhängnis, entweder weil ihre Anhänger nicht darauf klar kommen, dass Menschen eben doch Menschen bleiben, oder weil sie (wie vermutlich in diesem Fall) selber anfangen daran zu glauben und sich als erhaben wahrnehmen.

Gerade deshalb lehren uns solche Krisen auf der Hut zu sein, vor eiligen Entscheidungen, vor dem Ruf großer Meister und vor Praktiken, die wir nicht verstehen und gut heißen können.

Mingyur Rinpoche spricht

Mingyur Rinpoche hat einen umfassenden Kommentar zu dem aktuellen Anlass verfasst, der hervorragend auf die Aspekte der Lehrerwahl eingeht. Er beschreibt allgemeingültig – ohne auf dem konkreten Skandal herum zu reiten – auf was es ankommt, um ein Leben zu führen, dass in Einklang mit ethischen Aspekten steht.

Denn das ist wichtig: Wir können hier mitnehmen, was wir eigentlich schon immer wussten. Wenn sich Sachen falsch anfühlen und wir der Angelegenheit auch nach eingehender Betrachtung nichts abgewinnen können, nun, dann ist das Mist. Solche Menschen können wir in unserem Leben nicht gebrauchen. Und bevor wir uns mit ihnen einlassen sollten wir sie genau beobachten. Wer seinen Heiligenschein kräftig poliert, bevor er ihn zur Unterweisung aufsetzt und ihn in die Ecke donnert, sobald er daheim ist, der ist sicherlich nicht besonders heilig. Und wir dürfen uns da auch nicht auf die Meinung anderer verlassen, nur weil tausende anderer glaube, dass da jemand eine große Nummer ist, heißt nicht, das er oder sie das für uns ist.






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