Der Fehler in der Praxis

Mit dem Buddhismus ist es wie mit Eis: Es gibt mehr Sorten als man auf einmal in eine Waffel tun kann und dabei schmecken alle lecker. Hat man sich einmal entschieden – sagen wir für das Fruchteis – kommt es mit einer bestimmten Geschmacksrichtung daher, nach der man sich fortan ausrichtet.

Im Mahayana Buddhismus (Das Erdbeereis der Geistesschulung) steht der Gedanke an andere Menschen im Vordergrund. Selber die Erleuchtung erlangen ist nicht mehr genug, auf der Welt gibt es so unermessliches Leiden, dass sich der gute Mahayana-Buddhist denkt: Ach Mensch, ich bleib‘ noch ne Weile, das sind ja keine Zustände hier, man braucht mich! Nirvana erst, wenn der Rest der Welt auch so weit ist.

Dieser Gedanke zieht sich wie eine hübsche melangierende Sirupspur durchs Eis. Natürlich beschäftigt man sich mit sich selbst, schließlich ist man mit dem eigenen Glück beschäftigt, aber das ist eben verbunden damit, auch andere im Blick zu haben.

Mein erster Meditationslehrer verwies hier gerne auf Bahnfahrten. Er sagte: „Wer immer nur darauf schaut, selbst den besten Platz zu bekommen, der ist vielleicht nicht der beste Mahayana Buddhist.“

Das leuchtete mir ein. Schließlich geht’s da ja plötzlich um mich, dass ich es bequem und komfortabel möchte und wer später einsteigt – tja, der hat wohl Pech gehabt und muss halt stehen. Und da haben wir den Salat. Jedes Mal, wenn die Bahn vor mir einrollt, recke ich den Hals und spähe, wo denn noch ein hübsches Plätzchen frei wäre. Am liebsten ja am Fenster. Aber nicht am offenen, denn da zieht‘s. Und ab und an schleicht dann auch die Erinnerung an den Lehrer um die Ecke und da winkt es auch schon begeistert von den freien Sitzen: Das schlechte Gewissen.

Ich sollte nicht so denken. Wäre viel besser für meine geistige Entwicklung, würde ich friedvoll stehen und mich erfreuen, wie der Rest der Welt mummelig sitzt. Aber dem ist nicht so. Und vielleicht liegt das Unheil hier weniger in meiner Bequemlichkeit als in dem kleinen Wörtchen sollte.

Sollte ist ein Wort, dem ein apokalyptisches Läuten der inneren Alarmglocken angemessen ist. Da kommt ein Gebot daher! Eine Vorschrift kündigt sich an ins Fleisch zu schneiden und seine Spuren zu hinterlassen, wann immer an der Wunde gekratzt wurde. Sollte kommt von außen und mit großer Sicherheit von oben: Hier urteilt jemand. Und das mögen wir Menschen nicht. Zumindest, wenn wir verurteilt werden, weshalb wir (logisch) alles tun, um dem zu entgehen und lieber sogar eine Belohnung abstauben, wenn wir das Gegenteil umsetzen.

Zurück zum Bahn-Beispiel: Hier ist also eine handfeste Regel gewachsen, an der ich messen kann, ob ich denn nun ein guter Mahayana Buddhist (stehend) oder ein schlechter (ja wo ist er denn, der hübsche gemütliche Platz?) bin. Und – hey – ich wäre echt gerne der Gute. Bin ich aber nicht. Zumindest nach der eben aufgestellten Devise. Und vermutlich wäre ich es nicht mal, wenn ich denn nun eben Bahnfahrten auf meinen zwei Füßen statt auf dem Hintern zubringen würde, denn ich täte es ja schlicht um mich der Regel zu beugen und dem Urteil zu entgehen und nicht aus intrinsischer Motivation.

Mahayana Buddhismus und der Gedanke, anderen gutes zu tun erwächst nicht aus Geboten, sich selbst zurück zu nehmen und sich auf zu opfern. (Das nennt man Helfersyndrom, ungesunde Sache, besser gar nicht damit anfangen). Vielmehr ist man tatsächlich vom Leiden anderer motiviert, weil man sie verstehen kann und es einem selber weh tut, sie leiden zu sehen. Dann fällt das Geben plötzlich gar nicht mehr so schwer. Das geht aber nur, wenn einem die Motivation dafür aus eigener Erkenntnis und einem offenen Herzen kommt und nicht, weil jemand sagt, was zu tun und zu lassen ist, damit auf der kosmischen Karma-List wieder ein Pluspunkt aufgetragen wird.

Ich will nicht sagen, das mein Lehrer mit seiner Aussage Unrecht hat. Vielleicht ist jemand, der andere mit dem Ellenbogen aus dem Weg räumt um sein Plätzchen zu ergattern tatsächlich kein tauglicher Mahayana Buddhist. Aber vielleicht ist es eben auch nicht all zu sinnig diese Art der Wertung vor der versammelten Schüler-Mannschaft aus zu breiten, denn Praxis ist individuell und muss natürlich wachsen. In einem Korsett aus „sollte“ lebt nur das Gewissen, aber nicht die Tugend.






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