Alles verkehrt mit der roten Couch: Eine Geschichte über Psychoanalyse und Verführung

Das hier wird eine Rezension über einen therapeutischen Roman. Möchte fast sagen, eine kritische Auseinandersetzung, denn so ganz gut kommt „Die rote Couch“ von Yalom nicht weg, obwohl der Mann ein fantastisches Fachbuch geschrieben hat. Um meine Kritik zu untermauer habe ich des weiteren einen Arm voller Hintergrundinformation über Psychoanalyse allgemein mit hinein gestreut. Beginnen wir also damit, wie mir das Buch in die Hände fiel:

An einem dunklen Freitagabend suchte ich etwas zu lesen. (Das es Freitag war ist nun für alles weitere wirklich nicht wichtig. Man kann es also an dieser Stelle getrost wieder vergessen.) Auf verworrenen Wegen bin ich über Rezensionen mit vielen goldgelben Sternchen gestolpert, die mir dringend den Roman „Die rote Couch“ ans Herz legten. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion würden verschwimmen, sagten die Rezensionen, kauf mich noch heute Abend, zischelten die gelben Sternchen. Na gut.

In der hiesigen Buchhandlung kann ich mich nicht recht entscheiden, denn neben dem ausgespähten Werk liegt gleich das nächste. Klingt auch interessant. Auf dem anderen prangt ein leuchtend roter Sticker des STERN, der Irvin Yalom – den Autor – als „Einer der einflussreichsten Psychoanalytiker der Welt“ ausweist. Behalten wir das kurz im Kopf und schauen uns zuerst an, was es denn nun mit der roten Couch auf sich hat.

Das Buch erzählt die Geschichte des Therapeuten Ernst Lash. Der ist glücklich und zufrieden mit seinem Leben und steht tierisch auf seinen Beruf. Einem Kollegen, den Lash wegen dramatischem unethischen Verhalten verhören muss legte ihm diesen einst ans Herz. Nach dieser Vorgeschichte beschließt eine verbitterte, verlassene Frau sich an Lash zu rechen und schummelt sich in sein Behandlungszimmer um ihn zu verführen. Darum herum kristallisieren allerhand Nebenschauplätze, in den es um allerhand andere, wenn auch weniger erotische Verführungen geht.

Wer nun Lust hat das Buch zu lesen tut das am besten jetzt, denn ab hier wird es wohl oder übel entzaubert. Spoiler inklusive. Du wurdest gewarnt.

Lust & Leidenschaft

Nun ist es mit der Psychoanalyse wie mit allen Therapien: Wenn verschiedenes zusammen kommt, kann es manchmal (muss nicht aber) eine sehr erotische Angelegenheit sein. Das hängt von vielem ab, aber wenn das Setting und die Randbedingungen stimmen, dann kann es knistern. Um so interessanter ist da ein fiktiver Roman, geht man doch mit diesem Hintergrundwissen davon aus, einem wilden und schrecklich verbotenem sexuellen Abenteuer beiwohnen zu können.

Leider erweist sich Lash als standhaft und eine anregende Sexszene sucht der Leser auf den 540 Seiten (meine Taschenbuchausgabe) vergeblich. Eine rote Couch übrigens auch. Immer wieder wird die Psychoanalyse thematisiert, aber eine wirkliche Analyse führt keiner der behandelnden Charaktere durch. Niemand liegt auf Sofas, niemand erliegt der sündigen Versuchung.

Zumindest Lash nicht. Der stellt sich am Ende als der gekonnte Therapeut heraus, der alle Herausforderungen meistert, zwischendurch höchstens einmal kurz schwitzt aber auch damit und sowieso in jeder Hinsicht dem absoluten Therapeuten-Ideal des Autors gerecht wird.

Yalom selbst ist auch einer, allerdings kein Analytiker. Sind die Herren im Buch aber wie gesagt auch nicht. Soviel zu dem Sternsticker. Stimmt leider nicht. In jungen Jahren lag Yalom selber auf der Couch, erhob sich davon allerdings unbefriedigt und wählte für sich selbst einen anderen Stil, der sich auch bei seiner Figur Lash erkennen lässt.

Moral & Ethik

Überhaupt meint man zwischen den Seiten immer mal wieder einen moralischen Zeigefinger zu sehen. Der zeigt nicht unbedingt auf den Normalo-Leser sondern in Richtung der aufstrebenden Generation an frischen Therapeuten die gefälligst ihre Finger von den Patienten und deren Geschenken lassen sollen. Recht hat er. Aber ist denn da ein Roman das richtige Medium? Darf eine Geschichte nicht mit dem spielen, was verboten ist?

Nach den heutigen Richtlinien von Analytikern würden sämtliche Plotstränge des Buches (zumindest in Deutschland) auch gar nicht funktionieren. Die Protagonistin umgarnt Lash immer weiter mit billigen Versuchen wie anzüglicher Kleidung und innigen Umarmungen ihn zu sexuellen Grenzverletzungen zu bewegen. Damit kommt man in der Realität nicht weit. Patienten anfassen: Ein Händedruck zur Begrüßung. Fertig. FERTIG. Nix umarmen, händchenhalten, anlehnen, streicheln. Wer das bei einem Analytiker mit international gültiger Ausbildung sucht, der hofft vergeblich.

Gleiches gilt für Geschenke. Ein Nebencharakter gerät in Schwierigkeiten, weil er von einem vermeintlichen Patienten Gefälligkeiten akzeptiert. Keine Chance beim echten Analytiker. Abstinenz bezieht sich neben Körperkontakt eben auch auf Geschenke.

Hier sei der Fairness halber gesagt: Yalom hat natürlich Recht, dass es sich so gehört. Sexuelle Affären mit Therapeuten sind nicht schön, erstrebenswert oder schlicht legal. Und das aus gutem Grund, denn ein solches Verhältnis schadet mindestens dem Patienten massiv. Vielleicht hat der Autor also auch davon abgesehen sich in diese Bereiche aufzumachen um nicht etwas, was ein Verbrechen ist, zu verherrlichen.

Alles in allem: Realistisch ist das Bild, das Yalom zeichnet also nicht. Gleichzeitig sieht er davon ab, die verruchten Mittel der Fiktion auszuschöpfen. Schade. Übrig bleibt ein fader Geschmack, was eigentlich ein feuriger Schmaus hätte sein können.

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