Ja verdammt, nur eine Person!

Sonntag Morgen, Wien, Österreich.
Bevor mich das Flugzeug in die Heimat bringt, gibt es ein hübsches und ausführliches Frühstück. Mir Wien-Neuling hat eine 100-Dinge-zu-tun-List empfohlen, in einem bestimmten Café zum Brunch zu gehen. Also Tisch reserviert, Konferenz gemeistert und zu Fuß die Straßen entlang hier her geschlendert.

„Nur eine Person?“ fragt die Bedienung ganz ungläubig.

Das wäre soweit vermutlich in Ordnung. Vielleicht ist es tatsächlich ungewöhnlich, alleine zu einem Brunch zu gehen. Ein geselliges Frühstück ist eine hübsche Sache. Aber ich wurde bereits entschieden zu oft gefragt, ob ich auch wirklich ganz alleine unterwegs wäre. Ich kann die Frage nicht mehr hören – ja verdammt! Ich bin nur diese eine Person und ich will trotzdem einen schönen Platz und ein leckeres Frühstück und – das ist jetzt vielleicht das wirklich Unfassbare an der ganzen Angelegenheit – ich will auch noch Spaß dabei. Ganz alleine.

Alleinreisende kennen das. Alles ist in Ordnung, ich hatte eine gute Zeit und dann kommt der Moment, in dem man allein isst. In kaum einer anderen Situation wird die gute Laune so subtil unterwandert wie in dem Moment, in dem man gutes Essen haben möchte, alleine am Tisch sitzt und um einen herum frohe Gemeinschaften dinieren.

Es ist schon etwas eigenartig mit uns Menschen. Mal sind die anderen zu viel, ein andermal fehlt die Gesellschaft. Bekannterweise kann man sich ja nirgends so einsam fühlen wie in einer großen Menge Menschen. Besonders, wenn sich der Rest der Welt kräftig vergnügt.

Zum Beispiel Reese Wistherspoon, die hier im Café am gegenüberliegenden Tisch sitzt. (Also nicht die wirkliche Reese, aber die Ähnlichkeit ist schon verblüffend). Neben ihr sitzt ein Kind, dass eifrig versucht, seine überschüssige Energie in Form von akustischen Wellen los zu werden (es schreit). Sie kommt aus dem vergnügten Strahlen gar nicht mehr raus. Die Augen funkeln, ab und an beißt sie sich ein wenig auf die Zungenspitze und lehnt ganz begeistert über den halben Tisch. Es ist auch wirklich eine große Runde, in der sie da unterwegs ist, viele viele freundliche Menschen, die man beim Frühstück anstrahlen kann.

Die ganze Woche über waren da hunderte Menschen um mich herum und ich wollte einfach meine Ruhe haben. Bloß keine Konversation mit unbekannt. Kein Netzwerken. Keine Kontakte pflegen. Das ist für extrovertierte, das ist nicht für mich. Und jetzt hätte ich gerne ein bisschen Gesellschaft beim Frühstück. Dabei bin ich eigentlich ganz zufrieden hier mit mir aber dann kommen die Fragen, ob ich alleine wäre und nur für eine Person reserviert hätte und dann strahlen da all die jungen Mütter um die Wette mit ihren Freunden und Bekannten und dann hätte ich das auch gerne.

Es gibt nicht viel zu tun, wenn man nur mit sich selbst am Tisch sitzt. Irgendwann ist alles am Buffet probiert und der Magen voll und wo andere fröhlich plaudern muss man Acht geben, dass man nicht zu viele Löcher in die Luft starrt damit man nicht versehentlich noch hindurch stürzt. Ich bin satt und würde eigentlich gerne gehen. Aber das geht doch bei einem Brunch nicht, oder?

Neben mir ist der Tisch mittlerweile auch besetzt. Genau wie meiner nur mit einer Person. Er schlägt sich tapfer und hat mittlerweile das dritte Tellerchen vor sich, auf Würstchen, Tomaten und Zimtschnecke thront das Brötchen, das bedenklich kippelt und die Marmelade beinahe mit in den Abgrund nimmt. Vielleicht könnte ich mich mit ihm unterhalten? Ach halt, ich war ja eigentlich ganz zufrieden mit mir, das hätte ich da in der geselligen Stimmung fast vergessen.

Das dritte Tellerchen ist auch sein letztes. Er trinkt die heiße Schokolade aus, wischt sich mit der billigen weißen Serviette Milchschaum aus den Mundwinkeln und winkt zum Zahlen. Kommt nach mir und geht vor mir. Das macht Mut. Offensichtlich gibt es keine Brunch-Knigge, die Ausharren im Umfang einer halben Herr der Ringe Trilogie vorschreibt.

Ich versuche es mit Lesen. Komme mir noch deplatzierter vor. Wenn doch das Pärchen am Nachbartisch nicht so unsäglich turteln würde. Reese ist mit ihren Gastgebern auch am Ende angekommen, sie verabschieden sich ausführlich (nicht das jeder-nimmt-jeden-einmal-in-den-Arm-ausführlich (das ist selbstverständlich), nein, es wird ausführlich im stehen weiter gequatscht und weil das erste Verabschiede-Umarmen dann auch wirklich zu lange her ist, muss es dann ein weiteres sein). Für mich gibt es eine letzte Runde Leckereien und das letzte Glas hausgemachten Eistee und ich fasse mir ein Herz. Und zahle. Und gehe. Zu früh für meinen Rückflug.

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