Alberny Wright und der Geist der Weihnacht

Alberny war ein Mann in seinen besten Jahren als er an einem kalten Abend im Winter in seinem Sessel verstarb. Er hatte einen Herzinfarkt.

Seine Seele verließ den Körper, betrachtete den zusammengesunkenen Haufen vor dem flackernden Bildschirm, zuckte mit den Schultern und entschwebte in das Reich der Toten.
Es tat einen lauten pfffft, ein sssst und ein huiupf und aus einer funkelnden Wolke Rauch, erhob sich ein Geist. Der Geist baute sich vor Alberny Wright auf und donnerte mit mächtiger Stimme: Alberny Wright – du bist gestorben!

Ja so weit waren wir schon, dachte sich Alberny und entgegnete: Ich weiß. Was soll das jetzt?
Der Geist zog die Augenbrauen zusammen und beugte sich ein wenig nach vorne. Die Hände hatte er fest in die Seiten gestemmt. Alberny Wright – du kannst zurück in das Reich der Lebenden, wenn du heute Nacht mit mir kommst.

Schön. Sagte Alberny. Was sollte da jetzt schon groß kommen. Wird das so eine Art Prüfung? Fragte er. Der Geist schüttelte den Kopf. Du kommst heute Nacht mit mir, sagte der Geist. Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht. Ich werde dir Zeigen, wie es früher einmal war.

Alberny Wright zuckte wieder mit den Schultern. Seinetwegen. Ging er eben mit. Und mit einem großen pffft und sssst und huiupf verschwanden beide in einer dicken Rauchwolke.

Alberny wedelte mit seiner Hand um den Dunst zu vertreiben und besser sehen zu können. Er brauchte einen Moment um sich zu orientieren. Er kannte diesen Raum. Die weiche Couch mit der knatschenden Sprungfeder auf der rechten Seite. Die faserige Tapete und der Geruch von warmen Kiefernzweigen in der Luft. Das war das Zuhause seiner Kindheit!

Alberny sah sich um: Da waren etliche Leute im Raum. Sie saßen auf dem Sofa und den Sesseln, die Beine verknotet, schlürften an Bechern voller dampfendem Punsch, knabberten süßes Gebäck und beredeten die diesjährige Dekoration der großen Tanne mitten im Raum. Aus der Küche wehte der Geruch von gebratener Gans und frisch gekochter Preiselbeermarmelade. Ich erinnere mich, sagte Alberny zu dem Geist. Ich war auch da und saß da unter dem Baum.

Ja, nickte der Geist. Jetzt sieh genau hin, was passiert ist. Alberny blickte sich um. Aus der Küche hörte er das gedämpfte Zetern seiner Mutter. Der Braten war angebrannt. Ja und was soll ich da jetzt machen? Fauchte der Vater hilflos zurück. Die Verwandten rümpften abschätzig die Nasen und einer nach dem anderen standen sie auf. Sie schimpften irgendetwas über die schlecht erzogenen Kinder, zogen ihre Schuhe an und gingen in den Schnee hinaus. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss und zurück blieb eine schluchzende Mutter in der Küche, ein mürrischer Vater, der sich mehr Punsch eingoss und der kleine Alberny, der unter dem Baum mit einem Geschenkband spielte.

Ja und jetzt? Fragte Alberny. Der Geist sah ihn prüfend von der Seite an. Hast du alles gesehen? Fragte er. Ja hab ich. Sagte Alberny. Und? Fragte der Geist. Alberny zuckte mit den Schultern. Hätte wohl besser sein können. Und was soll das ganze jetzt? Doch da tat es schon ein lautes pffft und ssst und huiupf und Alberny war wieder allein in der Dunkelheit.

Es verging etwas Zeit. Und dann mit einem erneuten pffft und ssst und huiupf tauchte ein anderer Geist auf. Oh! Rief Albery Wright, ich weiß was das ist, dass wird doch hier so ne Weihnachts-Geschichts-Scheiße. Wie viele von euch Dunst-Gestallten gibt’s denn insgesamt? Wir sind drei Geister, antwortete der zweite Geist pragmatisch. Komm mit mir und du darfst am Ende zurück in das Reich der Lebenden. Ich zeige dir, wie Weihnachten hätte sein sollen.

Alberny fühlte sich ein wenig unwohl in seiner Haut. Aber er hatte ja wohl keine Wahl und mit dem üblichen Geistergetue (pffft! Sssst! Huiupf!) tauchten sie wieder ein, in das vertraute nach Kiefernzweigen duftende Wohnzimmer. Da war Tellergeklappere, Kerzenzischen und Geschenkpapiergeknittere in der Luft. Der kleine Alberny saß in der Mitte von all den anderen Menschen, die vergnügt lachten und sangen, spielten und sich fröhlich zuprosteten. Der rote Punsch sprenkelte den mit Papieren bedeckten Boden. Kindliche Begeisterung schwebte durch die Luft und väterlicher Stolz und mütterliche Zuneigung. Zu Tisch! Rief es und alle fanden ihren Platz, bestaunten die üppige Tafel, jemand verteilte Braten und Erbsen und Vanillepudding mit Kiefernsirup zum Nachtisch. Alle hielten sich an den Händen drückten sie fest und wünschten eine frohe Weihnacht.

Du siehst etwas traurig aus, sagte der Geist. Hast du alles gesehen? Alberny nickte stumm und sah zu, wie seine Eltern sich in stiller Freude umarmten und der kleine Alberny sich zwischen ihre Beine drängelte. Ja, sagte er leise. Ich hab‘ alles gesehen. Können wir jetzt bitte wieder weg? Der Geist nickte und zurück waren sie in der Dunkelheit.

Dort verbrachte Alberny wieder eine gewisse Zeit. Er war ganz froh, er dachte etwas nach. Dann kam das schon wohl vertraute pffft und sssst und huiupf. Der dritte Geist schwebte aus feinem, grauen Nebel hervor. Alberny Wright, ich bin der dritte Geist – ich weiß ich weiß, unterbrach Alberny, du bist doch jetzt die, die mir die Zukunft zeigt und dann wird alles wieder gut und ich kann wieder zurück und alles. Weihnachten ist mir nicht neu, weißt du. Ich weiß, wie mein Weihnachten aussieht und ich habe kein Problem damit, allein Eierpunsch aus dem Kühlschrank zu trinken. Komm, zweig‘s mir und dann ist hier endlich Ruhe. Der Geist ließ sich nicht beirren: Ich bin der Geist der möglichen Weihnacht. Ich zeige dir, was sein könnte.

Da wurde Alberny blass. Nicht der Geist der zukünftigen Weihnacht? Fragte er ganz zittrig. Nein, sagte der Geist. Deine Zukunft kenne ich nicht, aber ich kann dir zeigen, wie dein Leben sein könnte. Man hörte schon das pfffft in der Luft doch mehr kam nicht, denn Alberny schüttelte seinen Kopf. Nein. Sagte er. Nein, bitte nicht. Nein, das geht nicht, das will ich nicht. Der Geist drehte den Kopf, Alberny du muss alles ansehen, willst du zurück ins Reich der Lebenden. Komm mit mir und sieh, wie Weihnachten sein könnte. Nein, sagte Alberny wieder, das will ich nicht sehen. Der Geist sagte: Dann bleibst du für immer hier in der Dunkelheit. Alberny Wright antwortete nicht mehr. Nur noch seinen Kopf schüttelte er immer weiter, den glasigen Blick auf den Geist gerichtet und löste sich langsam in der Finsternis auf.






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