Welcome to the Mind Gym!

Das Jahr ist frisch, im Discounter stapeln sich die Thera-Bänder und die Kohlenhydrate setzten in den Regalen staub an. Arme Kohlenhydrate. Gluten fühlt sich in letzter Zeit richtig gemobbt.

Aber Spaß beiseite – hier geht’s um was Ernstes. Wir sind immer gerne und gut damit beschäftigt uns in Form zu halten, damit der Bauch vielleicht doch noch irgendwie so aussieht wie auf dem gefilterten Instagrammbild von dem Baucheinziehenden Mädchen, das fünfzehn Jahre jünger ist und keine Ahnung hat, was eine Steuererklärung ist. Bei entsprechendem Anreiz (also ein echter Wille und eine mindestens mäßige Aussicht auf Erfolg) stecken wir in solcherlei Unterfangen viel Zeit und Geld. Kostet schließlich was, so eine Sportmitgliedschaft und die Bio-Kapseln aus dem Reformhaus, ist aber auch echt gut für die Haut und man muss ja auch was für sich tun.

Richtig so. Etwas für sich tun ist eine feine Sache. Sport ist eine feine Sache. Gesunder Ernährung ist eine feine Sache. Gerne weitermachen. Nur zu!

Wenn wir davon 20% nehmen, und den gleichen Eifer in unsere mentale Entwicklung investieren, dann würde die Nacht vermutlich vor lauter Heiligenscheinen schimmern.

Mit der Erleuchtung lässt sich das dann gar nicht mehr aufhalten“. Brummte mein Meditationslehrer zu dererlei Gelegenheiten immer gerne spöttisch (seiner Meinung nach, genügten schon 1% der Bemühungen auf unser physisches Wohlbefinden). Der Raum lachte dann immer verhalten und sah sich etwas berührt um, denn uns dämmerte allen: Das war weniger Spaß als uns allen lieb war.

Für unsere geistige Entwicklung tun wir wenig. Meistens sogar gar nichts. Ist halt auch voll, so ein Tag. Geht zu früh los, irgendwas essen, Arbeitsweg, Arbeit, Stress, Computer, was anderes Essen, anderer Stress, Mittagstief, Langeweile, Problem, Treffen, Heimweg, Abspannen, Rumhängen. Wenn da mal eine Lücke aufkommt: Freizeitbeschäftigung. Da ist es schon fein, wenn man die Zeit für ein bisschen Bewegung und frische Luft freischaufeln kann.

Außerdem ist das doch Esoterik, wenn man was für den Geist tun.

FALSCH!

Da gibt es eine ganze Menge guter Dinge, die man sich tun kann, um dieser Welt mit all ihren Anforderungen und Erwartungen nach halbwegs bei psychischer Gesundheit zu bleiben. An genau dieser Stelle müssen wir jetzt noch ein wenig ins Detail gehen, bevor wir zu all den feinen Möglichkeiten kommen, die das mind gym bietet.

Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die denen es gut geht. Und die, denen es nicht so gut geht, die leiden. Gehörst du zu ersten Gruppe? Na dann Glückwunsch. Das ist wirklich hübsch und ich hoffe es bleibt so. Auch da ist ein bisschen mind gym eine feine Sache, denn meistens bleibt’s nicht so.

Da kann man lange Jahre für sein eigenes Glück geschuftet haben, am Ende kommt das Leben doch wieder um die Ecke und tritt einem saftig in die Lenden. Gefeit vor Leid ist keiner. Wenn es gerade gut läuft und alles prima ist, dann ist das prima und läuft hoffentlich noch lange so weiter, aber Training braucht der Geist trotzdem. Auch top Athleten auf der Höhe ihrer Karriere, in Medaillen-Top-Form trainieren sich trotzdem jeden Tag die Seele aus dem Leib, denn die Form hält sich nicht von alleine. Das wirklich hübsche ist, dass es dir leicht fällt.

Sich gut um sich selbst zu kümmern ist etwas, was uns Menschen erstaunliche Schwierigkeiten bereitet. Das liegt sicherlich auch daran, dass jeder so seine eigenen Vorstellungen davon hat, was denn nun gut für einen selbst ist. Wir verwechseln da gerne Dinge, die wir wollen mit Dingen, die wir brauchen. Und Angenehmes mit Hilfreichem. Das ist (leider) nicht immer das gleiche.

Wenn wir in guter Verfassung sind, dann sind wir uns selbst wichtig, haben ein gesundes Selbstwertgefühl und verstehen es, uns gut um uns zu kümmern. Entsprechende Übungen gehen uns leicht von der Hand.

Ajahn Brahm berichtet in einem seiner Bücher über eine besondere Meditationsform, mit der man sehr tiefe Zustände erreicht. Er sagt, diejenigen, denen es am einfachsten fällt die Praxis umzusetzen und diese Bewusstseinsform zu erlangen, sind die, die glücklich sind und denen es gut geht. Sie sind entspannt und können sich leichter darauf einlassen (bzw. den Rest loslassen).

Für uns andere ist der Weg steiniger. Für die zweite Gruppe Menschen – die die leiden – ist es um so wichtiger den eigenen Geist zu hegen und zu pflegen, eben gerade, wenn das Pflänzchen im Hagel steht. Auch hier gilt natürlich das Vergänglichkeits-Prinzip. Auch die Miesere währt nicht ewig und natürlich verändern sich die Dinge immer wieder. Unwetter zeihen weiter. Problematisch ist, dass das, was uns leiden lässt nicht immer die äußere Situation ist. Sondern dieser kleine Dämon „Gewohnheit“, der sich in unserem Kopf eingenistet hat.

Die Macht der Kognition

Oft sind wir gar nicht so frei in unserem Handeln wie wir auf den ersten Blick meinen. Unbekannte Situationen machen uns nicht ohne Grund unsicher und wir greifen gerne auf das zurück, was in unserem Hirn für solche Momente parat liegt: Erfahrung. Was wir schon mal gemacht haben, tun wir wieder, einfach weil wir es schon kennen. Hat ja letztes Mal auch funktioniert, mehr oder weniger. Man sagt, zweimal ist genug, um eine Gewohnheit zu kreieren. Manchmal reicht aber auch schon einmal.

Und dann ist sie da, die Gewohnheit. Das ist ein heimtückischer Geselle, denn die verkauft sich gerne so, als wäre sie die einzig wahre Realität. Aus seiner eigenen Routine wieder heraus zu kommen ist schwer, manchmal aber nötig, denn mit der Zeit schleifen sich da nicht einfach nur optimierte Abläufe ein, die uns das Leben erleichtern, sondern auch bestimmte Strategien mit Situationen um zu gehen, die in der Vergangenheit vielleicht einmal effektiv waren, den damaligen Stress zu bewältigen, uns heute aber im Wege stehen, weil sie kein akkurates Mittel mehr sind um uns von Moment zu Moment recht glücklich in der Welt sein zu lassen.

Shunryu Suzuki Roshi sagt zu seinen Schülern: „Wenn Sie sich in den Buddhismus vertiefen wollen, sollten Sie in Ihrem heißt Großputz halten. Sie müssen Ihr Zimmer völlig ausräumen und es gründlich reinigen. Wenn notwendig, können Sie dann alles wieder hineinstellen. Vielleicht wollen Sie dann gar nicht mehr so viele Dinge. Am besten tragen Sie deshalb eines ums andere hinein. Wenn Sie dann beim einen oder anderen merken, dass es unnötig ist, so lassen Sie es ruhig draußen.“ (aus Zen oder die Kunst den Mond abzustauben von Gary Thorp).

Die Macht des Unterbewussten

Damit sind wir tief eingestiegen: Tief in die Abgründe menschlichen Handelns und Denkens und genau dass ist es, was wir ansehen müssen. Was man ignoriert passiert einfach wieder. Und wieder. Und wieder. Und falls es nicht das all zu große Glück ist, steckt man damit tief im Dreck.

Oft lassen wir uns im Leben nicht nur von dem Lüftchen der Gewohnheit treiben sondern werden von seltsamen Böen in Richtungen gestoßen, in die wir vielleicht niemals wollten. Da haben sich eigenartige Vorstellungen und Ansprüche in unserem Kopf festgesetzt, die unser Leben diktieren. Vielleicht meinen wir, einen Beruf machen zu müssen, damit wir viel Geld verdienen. (Warum denn eigentlich? Haben wir es denn nicht schon warm und gemütlich und ein 750g Nutellaglas)? Oder wir müssen freundlicher mit dem Rest der Welt werden. Sonst mag uns niemand. Oder oder oder.

Diese Vorstellungen, die sich in unser Hinterstübchen geschlichen haben, geben sich gerne als Wahrheiten aus. Für uns fühlt es sich richtig und absolut an. Zweifelt jemand an dieser Einstellung oder Überzeugung werden wir wütend: Da hat jemand keine Ahnung von etwas, dass offensichtlich ist. Dieses Denken, dass uns so natürlich erscheint, ist vielleicht gar nicht unser Denken, sondern etwas, das von anderen Menschen kommt, von uns aufgesogen wurde und es sich gemütlich macht in den weiten finsteren Landen unsere Unterbewusstseins und von dort aus kräftig die Wege unseres Lebens lenkt.

Das ist eine arge Angelegenheit, denn so kann es kommen, dass man am Ende ein Leben gelebt hat, dass diversen Ansprüchen von Verwandten entsprochen hat, aber einem selbst nie gefallen hat.

Die Macht der Kränkung

Es gibt einen dritten wunden Punkt, der uns die Butter des Lebens verhageln kann: Unsere wunden Punkte. Unseren Platz in der Welt haben wir nur zwischen anderen Menschen und da hilft es alles nichts, mit denen muss man interagieren. Es ist unmöglich, nicht in Verbindung mit anderen zu sein (selbst wenn wir uns für Jahrzehnte in einer abgelegen Berghöhle im Himalaya einmauern). Meist läuft das auch ganz gut, es sei denn, diese anderen Menschen tun uns weh. Niemand mag das.

Werden wir immer wieder von Personen, die uns nahe stehen und von denen wir eigentlich Schutz und Fürsorge erwarten und brauchen gekränkt, sinkt und verschwindet unser Selbstwertgefühl. Das ist eine Katastrophe, denn ohne diesen Selbstwert können wir vielleicht noch zurecht kommen, in dem wir einkaufen, Sport machen und zur Arbeit gehen. Aber wir können nicht mehr gut zu uns selbst und anderen sein, denn wir sind es nicht wert und die anderen (die bösen, die uns das angetan haben) auch nicht.

Da, wo uns Kränkungen wirklich getroffen haben, bekommen wir wunde Punkte: Stößt später ein anderer Mensch in die gleiche Kerbe sehen wir uns in der bereits gemachten Erfahrung bestätigt: Aha! Das habe ich schon mal gehört, ich bin also offenbar wirklich nichts wert.“ Das hält man schwerlich aus und nur so kann man erklären, warum manche Menschen bei auf den ersten Blick nicht schwer wiegenden Angriffen völlig ausrasten. Für sie ist es keine Kleinigkeit, für sie ist es mit unter eine schwere innere Verletzung, die da attackiert wurde.

Resilienz

Nicht jeder Mensch reagiert tiefgreifend auf Kränkungen. Es ist keine Frage von Schwäche, in wie weit man von den Aggressionen anderer getroffen wird, sondern von Resilienz. Resilienz ist ein Maß dafür, wie gut der Geist gegen Stress allgemein und Schläge und Angriffe im besonderen gewappnet ist. Ein bisschen wie das Immunsystem für den Körper. Manche Menschen bringen von Natur aus mehr mit, an diesen glücklichen Kreaturen perlen die Herausforderungen des Lebens wie Wassertropfen ab.

Andere haben weniger, können aber nachrüsten: Resilienz kann man lernen. Wo? Im mind gym natürlich. Den Ausdruck habe ich aus dem Buch „You are a badass“ von Jen Sincero. Sie ermutigt uns – wie ich es am Anfang versucht habe – doch ein bisschen was von unserer Kraft und Anstrengung zu investieren, um unserem Geist etwas gutes zu tun.

Daran ist nichts sonderbares. Oprah Winfrey fragt Bewerber in Jobinterviews sogar danach aus, was sie so für ihre geistige Gesundheit tun. Eine Frau sah sie entgeistert an und begann zu weinen. „Das ist dann die Person, von der du weißt, sie ist es nicht.“ Sagte Oprah dazu nur.

Was für jeden einzelnen gut ist, hängt von jedem einzelnen ab. Davon, wo der Hase am Pfeffer knabbert, davon, woran man Lust hat und davon, was man dafür ausgeben will. Klar kann man das ganze auch für umsonst haben (meinen Blog lesen ist dafür wirklich großartig, immer weiter machen! DU bist ein prima Leser!) aber es soll ja gut werden, und was wirklich nachhaltig ist, dauert lang und kostet was.

Das Spektrum ist breit und bunt und weil wir hier jetzt schon wirklich eine lange Zeit dabei sind und ich lieber nur über das schreibe, womit ich mich auskenne, hier zwei schöne Enden des besagten bunten Spektrums: Meditation und Psychotherapie.

Letzteres ist natürlich etwas für kranke und hat doch mit persönlicher Entwicklung nichts zu tun. So denken viele Menschen, die in Therapie sind (oder sein sollten). Das sie etwas für Kaputte ist, die gerichtet werden müssen um wieder Teil einer normalen Welt werden zu dürfen. Eine ganze Menge Menschen, die Therapie bräuchten bekommen keine. Weil keine Plätze da sind. Und vor allem, weil sie gar nicht erst hingehen, weil sie nicht glauben, dass sie sie bräuchten.

Dabei ist Psychotherapie das Wahlmittel überhaupt bei allem, was ich hier sachte angestupst habe: von kognitiven Verhaltensweisen bis hin zum Unterbewusstem. Da sitzen zwei Menschen in einem Raum und sehen, warum mindestens einer mit der Situation unglücklich ist.

Meditation ist so ähnlich, nur dass da nur ein Mensch auf seinem Kissen sitzt und mit sich selbst glücklich ist. Oder eben nicht. Über die Jahrtausende haben sich unglaublich viele hervorragende Techniken herausgebildet, was man wann wie meditieren kann. Vom einfachen Atmen bis hin zu Analysen und Visualisierungen.

Beides geht nur, wenn man es regelmäßig über längere Zeit macht. Wir sind gerne für die schnelle Lösung zu haben. Fixes Ergebnis, bitte. Unglück kommt meist nicht flott um die Ecke, sondern nistet sich über eine halbe Ewigkeit ein. Glück ist auch so. Es braucht Beständigkeit und Ausdauer und Mut und Zähigkeit und Empfindsamkeit und Mitgefühl.

Das war ein rascher Überblick. Ich habe alles eher gestreift als ausreichend besprochen und eigentlich muss zu jedem Thema ein eigener Beitrag her aber es ist so wichtig, wie es sich in einander webt und zusammenspielt. Wir Menschen sind schon komplexe Wesen, die aus Geist und Körper bestehen, die beide gerne gepflegt werden wollen. Sonst verfallen sie.






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