Der Mann am Bahnsteig

Am Bahnsteig steht ein Mann. Mit der Schulter lehnt er an einem Pfeiler mit moderner Milchglasverkleidung, den Kopf weit in den Nacken gelegt und hält sich mit der Hand ein kleines Fläschchen aus braunem Glas an die Lippen.

Er trinkt, ohne zu schlucken. Sein Hals ist langgestreckt, die Kehle ganz entblößt, aber nichts bewegt sich. Erst als er fertig ist, das kleine Fläschchen mit dem langen, dünnen Hals und dicklichem Bäuchlein wieder absetzt und den Kopf zurück bringt, schluckt er auch. Seine Lippen bewegen sich als machten Sie ein Geräusch, aber das kann ich durch das Glas der Zugscheiben nicht hören.

Er beginnt zu gehen. Seine Schritte sind zielstrebig. Er holt weit aus, setzt seine Füße mit Bestimmtheit voran und hält zunächst auf die offene Zugtür zu. Oh je, ein Betrunkener, denke ich mir und hoffe, er kommt nicht zu dicht zu mir. Vor der Tür allerdings dreht er und geht energischen Schrittes neben dem Zug her. Die andere Tür will er benutzen, denke ich mir. Auch hier dreht er wieder um, nimmt eine ruhige Drehung und geht zurück zum Pfeiler.

So geht er eine Weile; immer mit einem festen, gerichteten Schritt, als wisse er, wohin es gehe, geht er einige Meter, dreht sich dann um und schreitet so in einer Art Oval auf und ab. Immer wieder geht er im Kreis. Sein Gesicht bleibt ausdruckslos. Etwas fest vielleicht, vielleicht auch Bitterkeit. Der rechte Knöchel knickt ihm leicht weg und der ganze Körper tut einen Schwank nach rechten. Das Fläschchen wirkt. Und hat ihm wohl nicht mehr zu bieten, denn kein Lächeln bewegt die Lippen, nur der gleiche trostlose und doch feste Blick bleibt.

In der dritten Runde greift er in die rechte Seite seiner Jacke. Er holt ein Portemonnaie aus schwarzem Leder hervor. Er öffnet es mit der gleichen festen Bestimmtheit, mit der er seine Schritte setzt (während er dies tut ist er nicht stehen geblieben sondern geht viel mehr weiter in seiner Runde, auch wenn er sie nun leicht abwandelt und eher eine acht läuft während er so beschäftigt ist). Zuerst sieht er zu den Scheinen, öffnet dann auch das ach für die Münzen. Die Lippen bewegen sich unmerklich, der Ausdruck ändert sich nicht. Er steckt das Portemonnaie zurück in die Jack. Sicher und aufrecht wie ein Gentleman.

Wieder geht der Mann am Bahnsteig im Kreis. Nie zu weit entfernt von der Säule, an der er am Anfang lehnte und immer wieder ein paar Schritte in die eine, dann wieder zurück in die andere Richtung. Und für einen Augenblick frage ich mich, ob mein Leben nicht genau so ist. Aber dann schloss der Zug seine Türen und fuhr weiter und ich musste nicht mehr an den kleinen Kreis denken – nie zu weit fort – sondern konnte wieder den Dingen nachsinne, die einmal waren und vor allem denen, die nicht waren und die niemals sein werden.






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