Ich! Narzisst!

Der Psychoanalytiker Erich Fromm sagte einst über Narzissten: „Er ist alles, die Welt ist nichts – oder vielmehr: Er ist die Welt.“ Oder etwas weltlicher: Ein orangener Amerikaner sagt gerade auf die Interviewfrage, warum er so viele Botschafterstellen in brisanten Ländern unbesetzt lasse, „weil am Ende nur ich wichtig bin. Ich bin der einzig Wichtige.“

Wir wollen hier mit einigen Vorstellungen aufräumen, die über sogenannte Narzissten – denn der Begriff wird gerne locker verwendet von Menschen die eher ein vages Gefühl zu der Thematik haben als Ahnung – kursieren. Dafür müssen wir aber erstmal verstehen, was das für Menschen sind, wer eigentlich narzisstisch ist, woher das kommt und was das für andere bedeutet. Ein großer Rundumschlag.

Einiges Wichtiges vorneweg: Narzisstisch ist kein Schimpfwort. Das habe ich jüngst gelernt. Es ist wichtig und essentiell, sich gut um sich selbst zu kümmern und sich dabei auch das eigene Ich mit all seinen Bedürfnissen im Blick zu haben.

Die Frage ist, zu welchen Kosten wir das eigene Glück verfolgen – oder besser gesagt, auf wessen Kosten wir uns gut fühlen wollen. Ein gesundes, kräftiges Ich zieht sein Wohlbefinden aus dem eigenen Wert. Aber dieses Selbstwertgefühl haben nicht alle Menschen und wenn davon zu wenig zur Verfügung steht, holen wir es uns auch schon mal bei anderen. So ein Mensch sieht sich selbst als befleckt, ungenügend, fehlerhaft und fühlt sich verunsichert, halt- und wertlos. Das muss natürlich versteckt werden, denn niemand fühlt sich gerne so, und niemand anderes würde einen solchen Menschen schätzen, könnte er all diese Unzulänglichkeiten sehen.

Daher wird ein Bild konstruiert, eine Fassade, die andere sehen und zu überdecken, was im tiefen Kern darunter liegt: eine miese Schutthalde. Das macht ein solcher Mensch natürlich nicht mit Absicht. Er (oder sie, ich nehme männliche Formen immer gerne als Verallgemeinerung, bitte nicht daran stören) ist sich vermutlich selbst gar nicht bewusst, dass er sich so unsicher und verloren fühlt, denn das wäre ein zu starker Kontrast zu dem Bild, wie er selbst gerne sein und auch von anderen wahrgenommen werden möchte.

Natürlich haben wir alle so ein äußeres Bild, dass wir anderen zeigen. Diese Tatsache an sich ist nichts schlimme. Die Frage ist immer, wie hilfreich eine Struktur ist: dient sie mir oder leide ich damit?

Bin ich etwa ein Narzisst?

Ein kleiner Narziss steckt in jedem Menschen. Diese natürliche Veranlagung ist unbedingt von dem pathologischen Befund einer Persönlichkeitsstörung zu unterschieden. Nur weil man manchmal in der Scheibe das Autos am Straßenrand seine Frisur kontrolliert ist man noch kein selbstverliebter Psychotiker. Es gibt also ein breites Spektrum und wo man da genau liegt, entscheiden Psychologen und nehmen dafür gerne den NPI, den Narcisstic Personality Inventory.

Da muss ich gleich gestehen: Ich habe mich da auch schon durch geklickt. Idealerweise besteht so ein Test aus etwa 40 Fragen bei denen man sich zwischen zwei gegensätzlichen Aussagen entschieden muss (Leute vom Fach nennen das forced choice). Ja, ich fürchte, ich bin der Meinung, dass die Welt besser dran wäre, wenn ich sie regieren würde. (Kostenloser Nahverkehr! Bedinungsloses Grundeinkommen! Finanziert durch Abgaben für Fleischkonsum. Also vielleicht auch ganz gut, dass ich die Welt nicht regiere.) Insgesamt hat mich diese Einstellung leicht über das Mittel derer gebracht, die diesen online Test sonst noch mitgemacht haben. Allerdings bin ich noch unter dem allgemein gültigen Durchschnitt. Statistik ist eben so eine Sache.

Das sich ein echter Narzisst – also im klinischen Sinne – zu einem solchen Test verirrt ist eher unwahrscheinlich. (Daher auch die Verzerrung bei den Durchschnitten). Sie erleben sich selbst nicht so und auch wenn man ihnen schwarz auf weiß die Diagnose dieser schweren Persönlichkeitsstörung attestiert, weigern sie sich, das zu glauben. Ihnen mangelt es an Selbsterkenntnis und selbstkritscher Reflektion, nicht an Intelligenz. Sie können selbst nicht einschätzen, wie sie auf andere wirken und nehmen nicht wahr, wie sie andere Menschen mit ihrem Verhalten verletzen.

Sehen wir uns doch mal an, was man gemeinhin so weiß, über diese Form der zerrütteten Persönlichkeit.

Die Krankheit

Narzissmus ist (in klinischer Form) eine schwere Störung, die zu allerhand falscher Vorstellungen führt, die dem Narzissten und seinem Umfeld das Leben schwer machen. Sie selber merken oft zunächst gar nicht, dass in ihrem Leben etwas fundamental schief läuft. Geleitet von Neid und Aggression kämpfen sich Narzissten ab, bis alles um sie herum endgültig zusammenbricht. Vorher nehmen sie keine Hilfe an. Es sind andere Menschen, die sie immer wieder anklagen und vermutlich schlussendlich zwingen etwas zu unternehmen, denn ansonsten sind sie weg vom Fenster.

Die Ursachen

Die Ursache für die tiefgreifenden Probleme liegt meist ganz am Anfang: In einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung. Oft wächst das Kind mit einer narzisstischen Mutter auf, die es ausnutzt oder sich nicht für sein Innenleben interessiert. Der Vater ist entweder gar nicht verfügbar oder kann nicht ausgleichend wirken. Dadurch verinnerlicht das Kind, dass es keinerlei Beachtung erfährt, nicht wichtig ist und entwickelt starke Aggressionen gegenüber dem anderen Geschlecht, weil es ihm nicht traut.

Die Beziehungen

Narzisstische Männer haben daher oft eine zutiefst ambivalente Einstellung gegenüber Frauen. Ihnen ist nicht zu trauen. Entweder sie wechseln schon von früher Jungend an ständig die Partnerinnen und haben nur kurze und intensive Affären. Am Anfang erleben sie das als lustvoll und befriedigend, aber später stumpft es ab. Auf der anderen Seite haben sie entsetzliche Angst, von der Frau abgewiesen zu werden und zeigen sich sehr abhängig und unterwürfig (besonders in Ehen). Diese eigene Unsicherheit gleichen sie dann aber dadurch aus, dass sie sich patriarchalisch geben, Frauen auf Distanz halten und versuchen sich gegen das vermeintliche Ausnutzen zu schützen.

Narzisstische Frauen sind ein bisschen anders. Sie können stabile Beziehungen eingehen, schnappen sich dafür aber einen Mann, denn sie für den besten auf der Welt halten. Festmachen tun sie das gerne an äußeren, weltlichen Maßstäben. Sie suchen sich schöne Männer. Männer, die Ruhm, Macht und Geld haben. Allerdings verliert der Mann für sie an Wert, wenn er tatsächlich auf sie eingeht, daher bevorzugt sie unerreichbare Exemplare, die sie idealisieren kann.

Besonders bei Frauen fließt der Narzissmus auch in die Beziehung zu ihren Kindern. Vielleicht will sie gar keine haben, weil sie Kinder als gierig und ausnutzend sieht. Aber wenn doch, lieben sie ihren Nachwuchs abgöttisch, solange er hilflos ist. Denn ein unselbstständiges Kind erlebt die narzisstische Mutter weiterhin als Teil oder Vorführung von sich selbst. Es kann auch vorkommen, dass sie mit einem besonders hübschen Kind angibt, damit andere es bewundern (und damit auch sie). Das funktiniert natürlich auch mit Intelligenz. Auch für Leistungen kann man bewundert werden – heute mehr denn je. Das Kind wird dann nicht um seiner selbst Willen geschätzt. Es ist einfach nur ein Objekt, mit dem die Mutter einen Mangel in sich selbst stopfen will. Diesen Mangel an bedingungslosem Angenommensein verinnerlicht es und kann später selbst nicht so richtig lieben, weil es das selber nicht erfahren hat. Mit diesem Verhalten gibt man die Störung auch an sein Kind weiter.

Was geht in einem Narzissten vor?

Das klassische Bild, dass ein Narzisst nur sich selbst liebt ist nicht ganz richtig. Es ist eher so, dass er andere höchstens genau so zerrüttet gegenübersteht, wie sich selbst. Narzissten können oft gar nicht mehr lieben. Nicht sich selbst und auch andere nicht. Daher dann allerhand fälschliche Vorstellungen, mit denen sie das ausgleichen wollen.

In ihrem tiefsten Inneren fühlen sie sich wertlos und orientierungslos. Es ist nicht viel da, womit sie ihren Wert in der Welt definieren können und schaffen daher ein Trugbild, dass andere beeindrucken und ihnen einen Platz geben soll. Daher arbeiten sie oft hart, sind beruflich erfolgreich oder haben Jobs bei denen sie viel Bestätigung bekommen (z.B. in pflegenden Berufen). Auf den ersten Blick funktionieren sie ganz gut im Alltag denn sie sind Leistungsorientiert und achten auf ihre Wirkung.

Und dann sind da die Beziehungen zu anderen Menschen. Die machen ihnen zu schaffen, denn das läuft nie so, wie sie sich das denken. Gerade weil sie innerlich so unsicher sind (was sie auch vor sich selbst leugnen, ist ja auch eine unangenehme Sache) möchten sie unbedingt als strahlend und überlegen wahrgenommen werden. Das macht zwischenmenschliche Beziehungen schwierig. Wenn es dann nicht läuft, werden sie wütend weil die anderen komisch sind und sie es doch verdient haben glücklich zu sein und werden entsetzlich garstig, wenn sie sich verlassen fühlen. Das ist dem Narzissten eines der größten Grauen: Das er wieder allein ist.

Wenn es um Aufmerksamkeit geht, ist alles recht, wenn es sein muss auch negative. Ein Mensch, der eine schwere narzisstische Persönlichkeit hat, wird sich nicht groß daran stören, wenn andere ihn als elendigen Widersacher wahrnehmen und sich über entsprechende Schimpfworte sogar geschmeichelt fühlen. Immerhin ist er wahrgenommen worden. Dafür eignen sich auch die sozialen Medien: Wenn man anderen sein hübsches Leben präsentiert, werden sie neidisch.

Das wahre Ziel

Man sagt Narzissten oft nach, sie hätten keine Empathie. Tatsächlich ist es ihnen auch nicht recht möglich, nach zu vollziehen, dass sie Reaktionen anderer durch ihr eigenes Verhalten selbst verschuldet haben. Sie mögen nicht zugeben, dass sie anderen weh tun. Das wäre auch kein edler Zug und sie tun ja (auch nach eigener Auffassung) immer das Richtige.

Das ist nicht ganz das gleiche, wie nicht empathisch zu sein. Ein Narzisst ist – zumindest unterschwellig – durchaus in der Lage, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Ansonsten könnte er ja gar nicht so mächtig und erfolgreich sein. Er kann gut nachvollziehen, dass das, was er tut, andere demütigt oder verletzt. Deshalb tut er es ja. Indem der Narzisst andere Menschen herabsetzt, sieht er sich selbst als erhöht und fühlt sich gut.

Hier kommt der nächste Allgemeinplatz, den man oft über Narzissten findet: Ihr Ziel ist es, den anderen zu zerstören. (Das hält sich auch unter Fachleuten, aber schusselig wie ich bin habe ich vergessen, bei wem ich das gelesen habe und kann daher nicht stichhaltig zitieren).

Narzissten aus zu halten ist unfassbar schwer und über die Zeit bekommen sie es tatsächlich: Zuerst wehren sich die anderen noch gegen das Herabwürdigen und Quälen. Das gefällt dem Narzissten, denn so hat er Widerstand, an dem er sich noch mehr reiben kann: Er macht genau so weiter, wird dabei noch hartnäckiger, intensiver und verletztender. Am Ende gibt der andere auf. Er kapituliert und unterwirft sich vollständig.

Das ist nicht das wahre Ziel, denn nun ist der Narzisst frustriert: Er hat niemanden mehr, durch den er sich erhöhen kann. Er braucht den Wiederstand, um seine eigene Kraft und Überlegenheit zu spüren. Jemand, der endgültig nachgibt ist in seinen Augen nur noch ein Stück Dreck. Dafür hat er nur noch Abscheu übrig.

Es sein denn natürlich, die Person erdreistet sich, den Narzissten zu verlassen. Seine größte Angst wird ihn dazu bewegen, den anderen fortan zu hassen und ihn schlecht zu machen, wo es nur irgendwie geht. Anders, als dass die Person von Grund auf Verdorben ist, lässt sich ja gar nicht erklären, dass sie nichts mehr mit dem Narzissten zu tun haben will.

Den Begriff Narzisst für Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung hat übrigens Freud geprägt, das Wort selber ist aber eine ganze Ecke älter und wie so vieles aus der griechischen Mythologie entliehen. Hübsche Geschichte:

antiker Mythos

Narziss war ein junger Mann, der verdammt heiß aus sah. So heiß, dass schöne Mädchen und knackige Männer auf ihn abgefahren sind. Aber Narziss war wählerisch und niemand sagte ihm recht zu. Eines schönen Tages lässt sich dieser heiße Jüngling an einem See nieder und erblickt im Wasser sein Spiegelbild. „Wow.“ denkt er sich. „Das ist ja der geilste Mensch, den ich je gesehen hab!“ und damit ist es um ihn geschehen. So doof kann man ja gar nicht sein, denkt sich der Leser jetzt. Aber hier kommt, was wikipedia verschweigt: Zu der optischen Illusion gesellt sich auch eine akustische. Wie es sich so zutrug hockte an dem See auch eine Nymphe, die voll das Opfer der Götter war, die ihr nämlich ihre eigenen Worte geraubt hatten. Als Strafe durfte sie nur noch wiederholen, was andere sagten. Ihr Name war Echo. So kam es, dass Narziss nicht nur im Genuss seinen eigenen Anblicks sondern auch seines eigenen Ausdrucks kam und gebannt nicht mehr von der Stelle wich. Das konnte natürlich nicht ewig gut gehen und eine kurzen Weile später war er tot.
Tragischerweise soll ihm sogar noch aufgegangen sein, dass er sich selbst im Wasser sah, doch konnte er sich zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr lösen. Freud schnappte sich diesen Mythos und nahm ihn als Sinnbild für die beschriebene Persönlichkeitsstörung.






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