Radieschen in der Krise

Wie die Überprüfung eines anerkannten Experimentes ein ganzes Gebiet der Psychologie in Frage stellt.

Vor zwanzig Jahren führte Roy Baumeister mit Kollegen seine ersten Experimente durch und untersuchte, ob die Willenskraft des Menschen limitiert ist und abnimmt, wenn man sich mental anstrengt. Diesen Effekt nannte er Ego-Depletion.

Die Idee fußt auf einer These von Sigmund Freud, nach der das Ego Energie benötigt um aufrechterhalten zu werden. Mit anderen Worten, wir müssen Kraft aufwenden um unser Ego am Leben zu erhalten und werden immer erschöpfter, je länger wir das tun.

Das gleiche Prinzip wendete Baumeister auf Willenskraft an und ließ zur Überprüfung eine Gruppe Psychologiestudenten in sein Labor kommen. Dort waren zuvor herrlich frische, schokoladige Kekse gebacken worden, deren Duft durch die Luft und den Studenten (die ordentlich hungrig waren, dafür war Sorge getragen) direkt in die Nase schwebte.

Die eine Hälfte der Studenten musste nun von einem Teller Radieschen essen, während die andere Hälfte sich mit den warmen Keksen voll futtern durfte. Anschließend mussten alle Studenten sich durch ein Rätsel beißen, das unlösbar schwer war. Baumeister und Team nahmen die Zeit, wie lange sich die Teilnehmer daran versuchten, bis sie schließlich aufgaben.

Das vermutete Prinzip dahinter: Den Keksen zu widerstehen und im Gegenteil sogar noch die Radieschen knabbern zu müssen zehrt an der Energie des Willens, daher steht danach weniger zur Verfügung um sich mit der Rätselaufgabe zu befassen.

Und tatsächlich brachen diejenigen Studenten, die keine Kekse bekommen hatten den Test doppelt so früh ab. Baumeister sah seine These bestätigt. Er veröffentlichte seine Studien in Fachzeitschriften, wurde tausende Male zitiert und schrieb sogar ein Buch darüber, wie man seiner Willenskraft etwas besonders gutes tun kann, damit man sie nicht zu arg erschöpft (ein Glas Limonade trinken).

Dann geschah etwas seltsames. Eine neue Studie wollte das Ergebnis, dass Baumeister und Kollegen gefunden hatten – und für gut etablierte Lehrmeinung hielten – reproduzieren. Über 2000 Probanden nahmen teil in über zwei Dutzend Laboren auf der ganzen Welt.

Ein verblüffendes Ergebnis

In einigen Laboren wurden Baumeisters Ausgang gefunden, in anderen konnte man keinen Unterschied sehen und in einzelnen Fällen wurde sogar der gegenteilige Effekt beobachtet. Plötzlich war unklar, ob es überhaupt eine Ego-Depletion gibt! Mit dieser Unsicherheit brach eine große Welle des Zweifels über die experimentelle Psychologie herein.

Es gab hunderte Studien, die zuvor bereits die Ego-Depletion vermeintlich nachgewiesen hatte, wo war nun das Problem? Studie ist nicht gleich Studie. Ihre Qualität und Durchschlagskraft wird von einigen Faktoren bestimmt.

1. Stichprobenumfang

Je größer die Gruppe von Probanden, die an der Studie teilnehmen, desto besser. Denn eine Studie bedient sich immer der Statistik und die wird um so robuster je mehr Daten es gibt. Auf diese Art stellt man sicher, dass man nicht versehentlich ein zufällig auftretendes Phänomen beobachtet hat.

2. Zusammensetzung der Stichprobe

Möchte man eine Aussage machen, die sich auf eine allgemeine Gruppe bezieht, also zum Beispiel auf alle Menschen gleichermaßen zutrifft, so muss auch die Stichprobe diese Zusammensetzung haben. In der Praxis ist das die allergrößte Herausforderung, denn absolute Gleichheit kann man kaum erreichen.

3. Erwartungshaltung

Forscher haben meist eine Idee, was sie gerne zeigen möchten. Passiert auch immer wieder, dass sie überraschende Ergebnisse erhalten, mit denen sie überhaupt nicht gerechnet haben, aber meistens wird eine konkrete These bestätigt oder widerlegt. So funktioniert rationale, kausale Logik.

WEnn die forschung anfängt zu bröseln

Das Problem mit der Erwartungshaltung ist, dass sie unter Umständen den Ausgang einer Untersuchung beeinflusst. Wenn man etwas sehen will, sieht man es eben auch. Das Phänomen gibt es in allen möglichen Bereichen aber in der wissenschaftlichen Forschung ist es besonders ärgerlich, da man ja eigentlich nüchterne Wissenschaft betreiben möchte und sich nicht von subjektiven Einstellungen durch die Gegend schubsen lassen will.

Wenn man dann auch noch eine kleine Gruppe für seine Stichprobe nimmt (je größer desto aufwendiger und teurer) und diese auch noch eine deutliche Färbung in der Zusammensetzung hat, kriegt man am ende eben einen bunten Salat aber keine neutrale Aussage.

Psychologische Studien werden oft mit Psychologiestudenten durchgeführt. Die sind einfach und billig zu haben und stehen leicht zur Verfügung. Das ist auch der Fall bei vielen der Studien über Ego-Depletion. Diese Studenten und Studentinnen sind nun aber leider überhaupt kein heterogener Querschnitt durch die Bevölkerung. Und zu allem Überfluss wissen sie mit unter, worum es in der Studie geht. Dadurch bringen sie auch eine eigene Erwartungshaltung mit. Noch bunterer Salat.

Haben also dutzende Wissenschaftler nicht ordentlich gearbeitet?

Ist es also alles Humbug? Nein, sicher nicht. Aber nicht jede Studie ist gleich verlässlich. Oft ist es schwierig einen psychologischen Effekt stichhaltig nach zu weisen. Freuds Theorie ist interessant und wichtig wie eh und je, aber es ist schwierig eine Verifikation aus Radieschen-mampfenden Studenten abzulesen.

Dazu gesellen sich die großen Standart-Probleme einer jeden Wissenschaft:

– Der Druck zu veröffentlichen ist enorm. Ein Wissenschaftler ist oft gerade so viel wert, wie seine Publikationsliste lang ist. Ob auch die Qualität stimmt sagt die Menge leider nicht mehr aus.

– Es macht viel mehr Spaß eine These zu belegen, als sie zu widerlegen. Wer wäre nicht gerne der Held, der etwas entdeckt und bestätigt! Niemand will derjenige sein, der sagt, dass alles nicht funktioniert.

– Wenn schon etwas gefunden ist, wird es nicht weiter überprüft. Forschung ist aufwendig und teuer. Unter dem Druck schnell viel Neues hervor zu bringen (siehe die beiden Punkte eben) hat niemand Zeit oder Lust oder Geld einfach nochmal ein Ergebnis zu überprüfen.

Das heißt nicht, dass es Ego-Depletion nicht gibt. Das wichtigste, was man aus dem Studien-Chaos ziehen kann ist, dass es Hinweise darauf gibt und es verdammt schwer ist, reproduzierbare Belege für die Theorie zu finden. Ob es nun Ego-Depetion gibt oder nicht, ist in ganz andere Schokoladenkekse eingebacken.





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