Das Inzest-Tagebuch – Eine Rezension

Darum geht es: Ein Mädchen wird von frühester Kindheit an von ihrem Vater missbraucht, vergewaltigt und gefoltert.

Darum geht es eigentlich: Neben dem Horror ihrer Erfahrungen berichtet die Autorin von ihrer eigenen Lust, die sie dabei immer wieder empfunden hat.

Die Autorin möchte gerne anonym bleiben und hatte jeden Hinweis auf ihr Leben, also auch ihren Namen unkenntlich gemacht. Sie soll daher für den Zweck der Rezension A. heißen (als Akronym von anonymus, der Autorenbezeichnung im englischen Original).

Der Leser lernt A. am Anfang des Buches als junge Frau kennen, die gerade Zeit mit ihrem Vater in einem Ferienhaus verbringt. In der dritten Nacht kommt er zu ihr, die Schlafzimmertür quietscht, sie hört das leise Rascheln der Kleidung, die zu Boden fällt, er steigt zu ihr ins Bett. Sie hat ihn erwartet, sie will was passiert und es gefällt ihr.

Auch wenn die Geschichte mit dieser Szene beginnt, hat der Missbrauch nicht erst zu dieser Zeit begonnen, sondern bereits als kleines Mädchen. Als sie ihren Vater danach fragt, sagt er, ihre Mutter sein so depressiv und zurück gezogen und er einsam gewesen, deshalb habe er sich all das bei ihr geholt. Sie habe ihn verführt. Ihm gesagt, wie weich es doch wäre.

A. versucht sich anderen Menschen an zu vertrauen. Eine Frau, die ihr nahe steht erzählt ihr, dass sie selbst als Kind missbraucht wurde, und das man darüber nicht weiter reden dürfe sondern es vielmehr vergessen muss.

Sie konfrontiert ihren Vater, der sich zunächst entschuldigt aber später droht, sie nicht mehr als seine Tochter anzuerkennen, wenn sie weiter Lügen über ihn verbreitet. A. vermutet, dass er mit einem Anwalt gesprochen hat und wundert sich, dass er nicht mehr zu ihrer „inzestuösen Beziehung“ stehen will.

Diesen Eindruck einer „sexuellen Beziehung“ vermittelt sie immer wieder in ihrer Erzählung: Wie der Vater eifersüchtig ist, als sie während eines Auslandsjahres erste Erfahrungen mit anderen Männern hat. Wie ihre Mutter eifersüchtig auf sie ist, sie beschimpft, weil sie die „andere Frau“ wäre. Wie sie wütend und neidisch auf ihre Mutter ist, wenn sie herausfindet, das ihr Vater mit ihr schläft. Immer wieder betrachtet sie sich selbst als Liebhaberin, nicht als Kind.

Lediglich am Ende wird ihr Ton einmal anklagen, allerdings gegen die Mutter und nicht in Bezug auf Missbrauch und Vergewaltigung, sondern, weil sie aus Geldmangel kein rotes Fleisch und Parmesan zu Essen bekommen habe.

„Er wischte mir die Wichse mit Küchenkrepp ab, bevor er mich für die Schule anzog.“

Der Rest des Buches ist angefüllt mit detailgenauen Schilderungen der unterschiedlichen Verbrechen, die ihr Vater mit ihr begeht. Sie beschreibt, wie er sie als kleines Kind ins Ehebett zog um sich an ihr zu reiben. Ein anderes Mal steigt er zu ihr in die Badewanne, deren Wasser sich von ihrem Blut rot färbt, wieder ein anderes mal fesselt er sie an einen Stuhl.

Über allem schwebt zu jedem Augenblick das unfassbare Grauen und die erotische Lust, die A. dabei empfunden hat. Daher hat sie sich auch entschlossen, nicht unter ihrem Namen zu veröffentlichen, denn das Bekenntnis, dass es einen Teil in ihr gab, der an all dem Horror etwas erregend fand, ist zu katastrophal. Diesen Zwiespalt unterstützt sie mit der Sprache, die sie wählt: Zum einen berichtet sie genau von den Misshandlungen, drückt ihre Empfindungen aber immer wieder auch provozierend anregend aus.

Dabei kann nicht die Rede davon sein, dass dieses Eingeständnis ihre Erfahrung verharmlosen würde. A. Leben ist zerstört, vermutlich sogar mehr als ihr selbst bewusst ist. Das Buch ist ein Bericht all dessen, was sie erlebt hat, endet aber auch genau da. Auch wenn sie viele Aspekte ihres Erlebens darstellt, ist nichts davon durchgearbeitet und hinterlässt vielleicht gerade deshalb auch den Leser in einem unaufbereitetem Grauen. Insgesamt ließt sich das eher kurze Buch schnell durch, und man erhält eine Geschichte, die so entsätzlich ist, dass sie einen ratlos und verstört zurück lässt.






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